Lake Mossul – das Ende der Zivilisation

Sein großer Bruder wurde vom IS ermordet“ – sagt Paruar zu mir, nachdem ein Junge an uns vorbei geht. Das ist hier, im Ourbridge e.V. Waisenhaus am Lake Mossul, trauriger Alltag. Gerade haben Amelie und Harriet, zwei Freiwillige aus Deutschland, die Erklärung der Menschenrechte im Eingang aufgehangen. Zehn Grundrechte, die jedem Menschen uneingeschränkt zustehen. Neun dieser Rechte wurden bei den Kinder um mich herum gebrochen. Neun von zehn. Wenn man in Europa aufgewachsen ist, kann man sich das nicht vorstellen. Wenn ich parallel meine Twitter-Timeline lese, klingen die Probleme wie von einem anderen Planeten: Es geht los bei „Mein Internet ist 5% langsamer als angegeben“ und endet bei der Meldung, dass sich 250 Fans rivalisierender Youtube-Influencer vor meiner Haustür in Berlin geprügelt haben. Dass Tage vorher wenige Meter weiter ein Mensch erstochen wurde, ist kein Thema. 

Die Kinder hier nutzen auch Facebook, Instagram, Snapchat. Auch hier gibt es LTE, auch hier gibt es das aktuelle iPhone. Nur, dass auf der anderen Straßenseite das Flüchtlingslager Khanke liegt in dem knapp 20.000 Menschen unter erbärmlichen Bedingungen leben. Fast alle sind Jesiden. Eine kleine Religionsgemeinschaft, die sich in der Region Shingal konserviert hat und die der IS auslöschen wollte. Die größte jesidische Stadt ist Shingal. Die zweitgrößte ist das Flüchtlingslager Sharya, nur eine Stunde vom Waisenhaus entfernt. Wenn man auf den Berg neben der Stadt Dohuk fährt, kann man Wasserpfeife rauchen, einen Tee trinken, die Seele baumeln lassen und über das Camp gucken. Wie bizarr. Also blickt man besser in die andere Richtung, über die Großstadt Dohuk. Abends kann man sehen, wie in einzelnen Stadtteilen der Strom ausfällt und die Häuser mit Generator nach und nach wieder hell werden.

Kurdistan im Norden des Iraks ist so gegensätzlich, es ist kaum in Worte zu fassen. Von der Family Mall mit dem „House of Nutella“ und Freizeitpark sind es nur 30 Minuten bis zum Lake Mossul, auf dessen Grund immer noch Leichen der IS-Terrroristen und ihrer Opfer liegen. Und daneben spielen die Kinder, die keine Eltern mehr haben.

Im Laufe der Zeit habe ich mich an diese Gegensätze gewöhnt und auch an das merkwürdige Verhalten der bettelnden Kinder an der Ampel. Sie bieten einem einzelne Kaugummis oder ähnlich nutzloses zum Kauf an. Gibt man ihnen 1.000 Dinar (ca. 80 Cent), geben sie 500 Dinar Wechselgeld und bestehen drauf, dass man das Kaugummi nimmt. Sie sind die Ärmsten der Armen. Sie haben meist niemanden mehr. Niemanden – wie in null. Nichts. Keinen einzigen Menschen auf der Welt. Es gibt bei sieben Milliarden Menschen nicht einen, der sich um sie schert. Wenn sie eines Tages sterben, wird sie niemand vermissen. Ich auch nicht. Ihr auch nicht. So ehrlich sollte man zu sich sein. Und hier wird einem klar, dass man nicht alle retten kann. Nicht einmal alle Kinder. Nichtmal ein Prozent von ihnen. Warum sollte man also anfangen?

Weil man helfen muss!“ – sagt Paruar Bako. Er hat mit 21 Jahren sein Leben in Deutschland hingeworfen, ist nach Kurdistan gekommen und wollte gegen den IS kämpfen. Egal wie. Hauptsache, etwas tun. Kurz vorher waren zehntausende seiner Glaubensbrüder und -schwestern vom IS ermordet, verschleppt oder versklavt worden. In seinem Bereich gab es genug Kämpfer – aber zu wenige, die an die Zeit nach dem Kampf dachten. Er hörte von einem schwerkranken Mädchen im Flüchtlingscamp Khanke. Er flehte die Welt an, ihm zu helfen und organisierte Geld, um sie zu retten. Es gab bereits die Kostenübernahme für eine Behandlung in Deutschland, als er der Familie die gute Nachricht überbrachte. Die Familie brauchte seine Hilfe nicht mehr. Das Mädchen war eine Stunde vorher verstorben.

Das jesidische Flüchtlingscamp Khanke

Das ist ein einschneidendes Erlebnis. Alle Spender, Paruar und seinen Helfern wurde schlagartig klar, wie wenig Wert ein Leben in der Weltgemeinschaft hat und wie wenig sich die Mächtigen für diesen Flecken Erde interessieren. Für viele sind die Leute hier weniger als Dreck wert. Und das ist wörtlich zu nehmen. Dreck, Müll und Recycling sind für die meisten westlichen Menschen wichtige Themen. Hier Leben zu retten nicht. „Was fehlte, war eine Brücke zwischen den Welten. Unsere Brücke… Our Bridge!“, fährt Paruar fort. Also hatte er die Idee, ein Waisenhaus zu gründen, um wenigstens einigen Kindern eine Zukunft zu geben. Er hatte keine Ausbildung in dem Bereich, kein Geld dafür und keine Gebäude. Aber wenn die Welt schon nicht helfen wollte, dann musste er eben alleine die Welt retten, bzw. mit Mitstreitern. Sie fanden eine Bauruine, die sie nutzen durften und begannen, diese aufbauen zu lassen. In kürzester Zeit entstand das Waisenhaus für fünfzig Kinder. Heute gehört eine Schule für dreihundert Schülerinnen und Schüler dazu, aktuell wird ein Traumazentrum gebaut. Gelder der UN, EU oder Ähnliches sucht man hier vergeblich. Alles wird aus Spenden und mit viel Ehrenamt finanziert.

Um acht Uhr öffnet das Gebäude. Der junge Busfahrer holt die Schlüssel und fährt seine Runde. Derzeit werden Bushaltestellen geplant, damit die Kinder nicht im Regen warten müssen. In der Küche wird das Essen für dreihundert hungrige Kinder vorbereitet, die Lehrerinnen und Lehrer besprechen ihren Tag. Scheint die Sonne? Oder muss man drinnen Sport machen? Gibt es aktuelle politische Themen? Feiertage, die zu beachten sind? Kurz vor neun Uhr trifft die Ladung Kinder mit dem Bus ein. Die Kinder aus den umliegenden offiziellen und „wilden“ Camps kommen zu Fuß. Der Lärmpegel steigt ins Unermessliche. Die Musik-Anlage der Schule gibt ihr letztes, bis die Boxen kratzen. Blickt man in die Gesichter der Kinder, so platzen diese vor Freude. Wie wenn man einem Kind in Deutschland zehn Playstations und ein Pony schenkt und sagt „morgen gibts mehr“. Aber hier freuen sich die Kinder einfach, weil sie da sind. Weil sie jemand in den Arm nimmt und weil sich jemand um sie kümmert.

Am ersten Tag rennt ein Junge, vielleicht sechs Jahre alt, auf mich zu. Er kommt mir vage bekannt vor. Er springt mich an, will in den Arm genommen werden und drückt mich, dass ich am Abend blaue Flecken haben. Ich mag Kinder nicht besonders, ich kann nichts mit ihnen anfangen. An sich ist ein Waisenhaus und eine Schule kein Ort für mich. Aber diese Kinder haben Hilfe bitter nötig. Alle meine Freunde fliegen lieber nach Mallorca. Also komme ich her. Und natürlich drücke ich den Jungen und versuche ihm zehn Minuten zu erklären, dass ich ihn nicht verstehe. Gehe dann aber zu „ja“ und „aha“ und „wuhuuu“ über. „Kennst du ihn noch?! Er erkennt dich und erzählt dir, was er seit dem letzten Mal gemacht hat!“. Ich grübele und komme echt auf nichts. Dann dämmert es mir: Vor eineinhalb Jahren war ich mit ihm im jesidischen Heiligtum Lalisch. Er muss also vier oder fünf gewesen sein. Wir hatten keinen Kontakt seitdem. Aber er erinnert sich. Er hat nicht viele Menschen im Leben. In den folgenden Tagen begrüßt er mich jeden Morgen so und erzählt mir, was er gemacht hat. Er weiß, dass ich es nicht verstehe. Es ist egal. Es geht ums Erzählen und Zuhören.

Die anderen Schulkinder begrüßen mich mit „Hello! Whats your Name?“ – etwa fünfzig jeden Morgen. Die kurdischen und europäischen Namen sind phonetisch weit voneinander entfernt. Jeden Tag können wir den Namen des jeweils anderen etwas besser. „Hallo Enno! Wie geht‘s?“ – Begrüßt mich die Vorsitzende des Vereins. Da hört ihr Deutsch auf. Ich bedanke mich – da hört mein Kurdisch auf.

Kinder spielen vorm Ourbridge Haus

Die Kinder putzen sich zunächst die Zähne und waschen sich die Hände, dann geht es in den Unterricht. Zwei Zeitstunden am Tag (danach eine weitere Schicht mit anderen Kindern), anschließend können sie auf dem großen Hof spielen. Das mag nach wenig klingen, doch viele der Flüchtlingskinder haben noch nie eine Schule gesehen. Fast alle sind schwer traumatisiert, man merkt es nur auf den ersten Blick nicht. Neben der Allgemeinen Deklaration der Menschenrechte hängt inzwischen auch eine Weltkarte. Die Kinder wollen wissen, wo ich her komme.

Mir fällt eine Situation von fünf Jahren früher ein. Wir standen an der IS-Front am Ende eines Fluchtkorridors und ich habe ein Kind getragen. Der Übersetzer sagte mir „Das Kind fragt, wo du her kommst?“ – „Deutschland“ – „Jaja. Es fragt, ob du es jetzt mit nimmst. Es hat niemanden mehr.“ – Niemanden. Die ganze Familie war ermordet worden. Ich habe das Kind kurz drauf irgendwem in die Hand gedrückt, bei dem weitere Kinder waren, bin zurück in den Humvee gesprungen und mit den Soldaten zum nächsten Einsatz gefahren. Ich habe keine Ahnung, wer das Kind war, oder was aus ihm geworden ist. Krieg ist hart. Das ist kein Hollywoodfilm mit Happy End.

Die Kinder im Waisenhaus vor der Weltkarte haben keine Ahnung von Ländern und Kontinenten, aber Deutschland kennen viele aus Erzählungen von anderen. Da wo die guten Waffen her kommen, wo Merkel freundlich zu den Verfolgten ist und wo die besten Fußballspieler wohnen. Daneben die Menschenrechte. Wie ein Hohn. Wie erklärt man einem Kind, dessen Bruder vor seinen Augen erschossen worden ist, dass die ganze Welt sich einig ist, dass das nicht richtig ist. Und dann nichts dagegen unternimmt. Für die Kinder hier ist das halt normal. So wie für uns eine Beule oder gebrochenes Bein. Es wird halt mal jemand ermordet, vergewaltigt oder in die Luft gejagt. Kennt man ja von den Nachbarn.

Bevor die Kinder nach Hause gehen, bekommen sie eine Mahlzeit. Die Essenslage in den Camps ist ok, aber die Eltern sind um jede Mahlzeit froh, die das Kind woanders bekommt. In der Schule gibt es auch Duschen und eine Waschmaschine. (Körper)hygiene ist bisher kein so großes Thema. Aber die Kinder sollen es lernen und verbreiten.

Die Kinder hier haben dank dem Waisenhaus und der Schule eine Zukunft. Sie lernen lesen, schreiben, rechnen, mit dem Computer umgehen, Handarbeiten und vieles mehr. Die Grundlagen für ein zivilisiertes, gebildetes Leben. Die Lehrer stehen vor einer Mammutaufgabe. Sie bewundern die deutsche Gründlichkeit. Sie fragen, ob wir wirklich jeden Tag acht Stunden arbeiten, fünf Tage in der Woche. In Kurdistan ist die effektive Wochenarbeitszeit eher 20 Stunden. Umgekehrt bewundere ich sie. Ich verdiene mit meinem Job Geld und erkläre Leuten Dinge. Tue ich es nicht, haben meine Kunden und ich dennoch ein schönes Leben. Ich verstehe nicht wirklich, was daran so besonders ist. Die Lehrerinnen und Lehrer hier geben tausenden Kindern eine Zukunft, Liebe, Geborgenheit und Essen. Sie verstehen nicht, warum das etwas Besonderes ist.

Man muss doch helfen!?“ – das ist für die Menschen hier selbstverständlich. In Deutschland haben das sehr viele Menschen verlernt. Das merke ich auch, wenn ich mit Leuten spreche. Alle streiten ab, nicht helfen zu wollen. Aber alle haben „gute“ Gründe, warum sie dreißig Jahre nicht dazu kamen.

Wann hilfst du?

(Titelbild: Paul G.)

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