Mosul – Der Film

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War is boring – until it’s not“ kannte ich als Spruch, habe ihn aber erst in Kurdistan verstanden. Als ich 2014 mit den Peschmerga in einem Vorort von Mossul war, passierte gar nichts. Überhaupt nichts. Es gab zu dieser Zeit an dieser Stelle einfach keine Kampfhandlungen und mein Video von dort könnte auch einen Grillplatz in Dubai zeigen. Nur zwei Jahre später brach an dieser Stelle die Hölle los, als Mossul befreit werden sollte. Auf der einen Seite standen die Terroristen des „islamische Staates“, auf der anderen Seite die irakische Armee, die vom Iran gestützte (aber im Irak legale) Hashd al Shabii Miliz sowie die kurdischen Peschmerga. Peschmerga, Hashd und Irakis bildeten aber keine geschlossene Front. Viel mehr vereinte sie die Losung „der Feind meines Feindes ist mein Freund“. 

An dieser Schlacht sieht man gut, dass es im Krieg wenige Gute und Böse gibt, eher viele Abstufungen dazwischen. Sind die Irakis die Guten, weil sie gegen den IS kämpfen? Oder die Bösen, weil sie Mossul kampflos aufgegeben hatten? Sind die Hashd die Guten, weil sie gegen den IS kämpfen? Oder die Bösen, weil sie genau so morden, plündern und vergewaltigen, wie der IS?  Und was ist mit den einzelnen Menschen in Mossul? Wer war Täter, wer Opfer, wer Mitläufer, wer Held und wer Verräter? Ein bisschen erinnern die Interviews aus Mossul an Deutschland am 9. Mai 1945 – alle erzählen, dass sie unbeteiligt waren und nur Opfer des Systems. Und gerade in dieser Gegend der Welt ist es kompliziert: Ein Sturmgewehr und einen Koran zu besitzen, ist völlig normal. Einen langen Bart hatten alle Männer unter der IS-Herrschaft. Wie soll man also wissen, wer wer ist? Wie soll man so eine Stadt vom IS befreien?

Die Macher des Films „Mosul“ nahmen sich einer Mammutaufgabe an. Sie wollten die Wahrheit über die Befreiung Mossuls erzählen und ranghohe gefangene IS-Leute interviewen. Kurz gesagt: All das machen, was ich in meinen Jahren vor Ort nicht geschafft habe. Erzählt wird die Geschichte von dem Journalisten, der sich auf den Weg machte. Er traf Peschmerga, sprach mit der Hashd al Shabii und war mit der irakischen Armee in Mossul. Bis dahin klingt es nach einer von vielen Reportagen, die man aus der Gegend kennt. Doch er ging weiter.

Ich habe in all meinen Jahren vor Ort keine so nahen, so klaren und so ungekürzten Aufnahmen vom Kampf gegen den IS gehen. Ganz offen sprechen die Akteure mit ihm über ihre Sorgen, ihre Hoffnungen, ihre Vorurteile und ihre Motivation. Warum kämpfen Sunniten gegen Sunniten und Schiiten gegen Schiiten? In der westlichen Welt wird es immer wie ein Konflikt zwischen diesen Gruppen dargestellt. Warum kocht eine Frau freiwillig für die Hashd, die an anderer Stelle morden und vergewaltigen? Warum ist der ranghohe IS-Terrorist selbst im Gefängnis weiterhin von seinem Weg überzeugt? Bei der Schlacht um Mossul steht der Kameramann direkt hinter der irakischen Spezialeinheit „Golden Brigade“, als einer der Soldaten erschossen wird. Krieg hat selten ein Happy End. Er kriecht mit der Spezialeinheit durch Tunnel und klettert von Haus zu Haus. Und dennoch lässt er die Dokumentation nicht zu einem voyeuristischen Actionfilm verkommen. Jede Szene wird analysiert, erklärt und zu einem großen Ganzen zusammengefasst. Der Zuschauer bekommt hier einen Einblick in den Krieg, den es sonst noch nirgends gab.

Die Wahrheit über den Kampf gegen den IS findet der Journalist auf seiner Reise nicht. Nur sehr viele verschiedene Geschichten, die ineinander verlaufen, sich überlappen, sich widersprechen. Der Film ist absolut sehenswert, gerade wenn man die Wirren dieser Region verstehen will. Aber er lässt einen ohne abschließende Antworten zurück, weil es diese einfach nicht gibt.

Am 10. Juli 2017 wurde der Sieg über den IS verkündet. Währenddessen ging der Kampf gegen den IS in Mossul einfach weiter. Wenn ein Mörser einschlug, nannten es die Soldaten „the Sound of liberation“ – und lachten traurig. Bis heute ist der IS nicht vertrieben. 

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