Nachrichten? Brauche ich nicht!

Ich finde es immer wieder überraschend, wie wenig Leute in meinem Alter oder darunter noch Nachrichten konsumieren oder etwas von der Welt mitbekommen. Ich meine damit nicht zwingend Print-Zeitung lesen, sondern allgemein. Irgendwas. Zeitungen online lesen, den Tagesschau Podcast in der Bahn hören, die Printzeitung vom Sitznachbarn mitlesen. Wenn ich Schulklassen im Bunker habe und frage, wer Zeitung (online) liest, Nachrichten guckt, oder irgendwie sowas, dann ist es normalerweise zwischen null und eins. Das bezieht sich auf mehrere hundert Klassen in den vergangenen Jahren quer durch Deutschland. Von 5. Klasse Hauptschule bis 12. Klasse Gymnasium.

Vor allem aber fällt es mir in Gesprächen auf. Ich spreche über etwas, was mich gerade beschäftigt und mein Gegenüber hat keine Ahnung, wovon ich rede. In den vergangenen Wochen habe ich z.B. mit studierten Leuten in den Zwanzigern gesprochen, die noch nie von der „Identitären Bewegung“ oder deren Aktion „Defend Europe“ im Mittelmeer gehört haben. Es gab welche, die nicht wussten, dass es im Irak einen Krieg gibt („das mit Saddam?“) und wieder andere wussten nicht, dass es Nord- und Südkorea gibt und dass das dauerhaft ein Problem ist. Mit den Leuten kann man darüber dann ja auch nicht mal eben sprechen, weil ihnen die Grundlagen dafür fehlen und man erstmal sehr umfangreiche Grundlagen erklären müsste. Wenn ich dann frage, ob sie Nachrichten konsumieren, ist die Antwort meist „Ja klar, Facebook“ oder „Nein – ich bin ja kein Politiker! HAHAHA„. Das erinnert mich immer an einen TV Ausschnitt bei dem jemand gefragt wird, ob seine Kinder denn auch etwas gesundes wie Säfte bekommen und er sagt „Ja, Fanta!„. Nun ist Facebook ein weites Feld und es gibt dort auch Nachrichten, aber die Leute meinen den Facebook Stream ihrer Freunde. Also eine Filter-Bubble, die aus gleichartigem besteht und in die sich meist nur selten ein Querschnitt der Außenwelt mischt. Und das ist auch bei meinem Facebook Stream nicht anders. Was sie als Nachrichten wahrnehmen, ist auch immer wieder interessant. Dazu zählen Konzerttermine ihrer Lieblingsband, Sendetermine von Soaps oder Gossip von Stars und Sternchen. Zu Politik, Wirtschaft und Kriegen höre ich immer wieder „Aber ich bin ja kein Politiker – was habe ich damit zu tun?„. Nun, du bist auch kein Star und informierst dich über Hollywood. Und du bist nicht reich, aber guckst dir Ferraris und Privat-Inseln an.

Mir fällt auf, wie die Gesellschaft da immer weiter auseinander driftet. Ich finde mit solchen Leuten kaum noch Gesprächsthemen, da für mich die Welt um mich herum extrem wichtig ist. Ich finde auch keinen Weg den Leuten zu erklären, was Wahlen, Politik, andere Länder, Wirtschaft usw. mit uns zu tun haben.
Warum sollte es mich hier interessieren, dass zwischen den USA und Nordkorea ein Atomkrieg droht? Dann geht eben dort ein thermonuklearer Krieg los – aber ja nicht bei uns!
Warum ist es für mich hier wichtig, ob in Syrien ein Krieg tobt, oder nicht? Ist ja nicht so, als würden die Flüchtlinge dann her kommen und hier die Neonazis aus ihren Ecken kriechen…
Und was habe ich mit Griechenland zu tun? Ich mag ja nicht mal Toga Partys!

Wenn das (noch) ungebildete Kinder oder Besoffene in der Ecke wären, könnte ich ja damit leben. Aber bei Leuten mit Abitur und einem abgeschlossenen Studium würde ich dann doch mehr erwarten. In meinem Umfeld sind die meisten Leute noch sehr gebildet, dadurch dürfte der Eindruck bei mir noch etwas verschoben sein. Aber so 10-20% sind es selbst da. In anderem Umfeld dürfte es noch weit mehr sein. Bei Vorstellungsgesprächen frage ich die Leute immer ein paar Standardfragen. Früher z.B. welchen Job Wowereit hat (heute Müller, aber Wowi war halt bekannter…). Oft wussten Leute immerhin, dass er Politiker ist. Wie viele Länder gibt es auf der Welt? (10-10.000 sind übliche Treffer) und welche Staatsform wir haben („EU“ ist vorne dabei). Im Kern kann man sagen, dass mehr als 50% der Bewerber(innen) diese drei Fragen nicht annähernd beantworten können.

Das häufigste Argument gegen Nachrichten gucken ist: „Da kommt so viel Negatives! Das will ich nicht sehen!“ – Das ist auch ein Luxus, den man sich nur in der ersten Welt erlauben kann. Die Augen verschließen vor den rund 90%der Welt, denen es schlechter geht. Und klar: Wenn man das alles ausblendet, dann bleiben wieder nur Konzerte, Gossip und Katzenbilder. Mein Ansatz ist da einfach ein anderer: Ich gucke mir das Leid an und versuche es zu verbessern. Das erscheint mir einfach sinnvoller.

5 Kommentare zu "Nachrichten? Brauche ich nicht!"

  1. Hmm … Ich glaube, das ist aber auch die natürliche Wahrnehmungsfilterung des Heranwachsenden und jungen Erwachsenen selbst.

    In den Zeitungen, in den Podcast, überall wo News verarbeitet werden, wird eine Momentaufnahme der zukünftigen Historie dargestellt. Keiner im Schul und Studienalter [Es sei denn, man hat eine Begabung dafür, oder studiert das halt] kommt wirklich noch mit, was passiert, wie das geschieht oder warum das geschieht.

    Es ist ja nicht so, dass jene „garnichts“ mitbekommen. Jedoch stellen sich die allermeisten eben nicht die Frage: „Was ist da los“ sondern „Wieso bekommen jene, die sich dafür interessieren und an Schaltstellen sitzen, es nicht auf die Reihe, dafür zu sorgen, dass es besser läuft“

    Reflektierend aus der eigenen Schulzeit muss ich sagen, ist es eine Haltung, welche die allermeisten an den Tag legen. Und ich persönlich finde sie gerechtfertigt – Und möglicherweise positiv Zukunftsenscheidend.

    Die allermeisten kommen doch in der Schulzeit nicht in den benoteten Fächer mit. Dann kommt noch die Pubertät, die Sinnsuche der eigenen Identität, das eigene Umfeld, und die Zeit für sich selbst dazu.

    Die Frage „Warum bekommen die es nicht gepacken“ wird also instinkthaft von Schülern mit einem „Die Verantwortung wird auf uns übertragen“ beantwortet.

    Kein Wunder, wenn man den Leistungsdruck der Schulen beachtet. Wann immer man sich als Schulabschließer fragt, wieso die Schüler heute so sind, muss man sich das „Kartoffelbeispiel“ vor Augen führen.

    Die Fächer werden immer komplizierter, gleichzeitig jedoch steigt auch das Interesse der Schüler aufgrund der Gegebenheiten in den Fächern, wo es sie interessiert.

    Man könnte auch sagen: Anstelle, dass Schüler ihre Zeit mit etwas verschwenden wollen, wo sie wissen, dass sie nichts verändern können, investieren sie ihre Zeit lieber damit, sich damit auseinanderzusetzen, was sie können, und nehmen sich lieber genau die Zeit dafür“

    Meine Klassenkameraden der Realschulzeit sind heute allesamt im handwerklich-technischen Bereich berufstätig. Würde ich mit dem Anspruch, des politischen Interesses, denn einige Journalistne/Blogger an den Tag legen, jene konfrontieren, würde ich hoffentlich zu hören bekommen: „Aha, kannst du ein Haus bauen und mir nebenbei noch erklären, welche Rechtlichen Themen es zu beachten gibt“.

    Ich selbst vor 4 Jahren, würde jemanden der mich so konfrontiert sagen: „Hast du dich schonmal mit der Pflege von Menschen auseinandergesetzt, schonmal einige Stunden damit verbracht, einen Tag im Kindergarten zu gestalten und wie schaltest du nach einem anstrengenden Tag ab?“

    Kurzum: Ich glaube, das Interesse an Politik wird überbewertet, da es die Generation vor Y verpasst hat, Politik in einen Rahmen zu bringen, der einfach und verständlich ist, und auch ansprechen tut. Das müsste nicht so sein – Weder in der heutigen, sich dank Gloablisierung, Dank Internet und dank des Informationszeitalters vorkommenden

    Ich sage immer, wenn ich versuche, zu erklären, wie man Leute von Poltik begeistert: Politik ist [wie] ein Spiel. Anstelle es trocken und in Moralischen Rahmen zu packen, sollte doch erklärt werden, was dahinter steckt.

    Politik wird heute als „Saubermann“ dargestellt, etwas was rein und toll ist. Das wird Fusball zwar auch, aber jeder interessierte weis doch, dass Fussbal ein Taktikspiel ist, wo es darauf ankommt,die andere durch das Können der Spieler, der gewählten Taktik sowie bestimmten Taktischen Momenten zu besiegen.

    Das fehlt in der politischen Darstellung.

    *Gähn* Politik ist wichtig *gähn* Warum? Warum hat Politik so einen Einfluss auf unser Leben

    *Es ist wichtig zu wissen, was passiert. *Gähn*

    Warum passiert es, und welcher Politiker hat mist gebaut, und zwar ordentlich? Und warum wird der Medial nicht zerissen?

    Heute ist das Thema Politik oder jene Felder, die Politik direkt berrühren, etwas, was als Tätigkeit fwahrgenommen wird, die jene Besonderen Leute, die etwas verändern können, jene Leute, die andere Leute bewegen können Und charmant manipulieren können, ausführen.

    Jeder weiß, das Politik das Schmutzigste geschäft des Planeten ist. Aber den Schülern, den Menschen und über die Medien, wird das Schmutzigste Geschäft als etwas reines dargestellt.

    Weil der Politiker und jeder, der sich damit beschäftigt, sagen kann: „Nein, man selbst ist nicht zwingend Schmutzig dabei, weil man immer eine Absicherung hat. es ist so, als wenn Papa und Mama sich hinter verschlossenen Türen darüber aufregen, wer das Kind falsch erzogen hat, wer den Müll nicht rausgebracht hat, oder das Papa nicht im Sitzen gepinkelt hat, während Mama sich nach erhalt des Zeugnisses ihres Kindes ne Flasche Wein hinter die Birne kippt

    [Und selbst dieses Schreiben ist in der Politik schmutzig, weil ich hier eben Angriffsfläche für meine Gegner lasse, die mir vorwerfen könnten, ich benutze Schubladenbilder von Mann und Frau]

    2. Kurzum: Bis man die Reife hat, zu verstehen, dass Politik und alle damit zusammenhängend direkten Themen und Erwerbstätigen Felder, die Gesellschaft und damit das Individumm formen wollen, hat man lieber endeckt, dass Order 66 von den Jedis abgesegnet war, weil die Jedis an die Prophezeihung des Ausgleiches der Macht geglaubt haben, und nur die Besten der Besten überleben sollten. Oder überlegt sich, welche Junge der eigene „Ash“, die eigene „Misty“ oder der eigene „Ted“ „Marshall“ oder Barney ist.

    Nachrichten? Ja, aber welche? Soviele Informationen die täglich zu dem selben Thema veröffentlicht werden, soviele Infos kann doch keiner Verabreiten, der nebenbei endweder für die nächste Schulaufgabe lernen muss, die Angehimmelte Person umgarnen möchte oder sich auf die Berufswelt vorbereitet.

    Ich glaube, wir als politisch interessierte, haben einen Anspruch an die Masse, denn wir umgedreht ebenfalls nicht erfüllen könnten.

    Was anderes ist es jedoch, dass man bei offensichtlichen Themen schweigt. Personalausweisgesetz wurde so geändert, dass man nicht einen Ausweis sein ganzes Leben benutzen darf, sondern seine deutsche Staatsangehörigkeit jederzeit aktuell nachzuweisen hat, wenn man die rechte und pflichten einer Demokratie nachkommen will.

    Wenn das nicht in Schulen thematisiert wird, haben wir als Politisch Interessierte auch kein Recht, der Heranwachsenden nächsten Generation ihre „Yolo“ Haltung vorzuwerfen.

  2. Bei der „Leistung“ die unsere „Qualitätsmedien“ abliefern, kann ich das auch verstehen.
    Während unsere Politiker und Abgeordneten nachts (heimlich?) Gesetze und sogar die Verfassung ändern, werden medial die Ablenkungsmanöver (das Trumpeltier hat wieder mal etc..) vorgeschoben, oder es läuft gerade eine Fussballmeisterschaft auf allen Kanälen.
    Teilweise warte ich dann wochenlang auf die Berichterstattung über diese extrem wichtigen Nachrichten in den „Qualitätsmedien“. Nur weil ich als Journalist eine gewisse Medienkompetenz erlernen durfte, und weiss wo ich mir eventuell diese Nachrichten holen kann, ist das nicht als Grundvoraussetzung für die Allgemeinheit zu sehen und die fühlen sich dann irgendwann verarscht.

  3. Die Frage ist doch eher: Was sind heute noch Nachrichten?

    Wenn man wirklich tiefer ins Thema einsteigt, hangelt man sich nur noch von vorgefertigter gut/böse Meinung (die als solche natürlich nicht gekennzeichnet ist) zu anderen einseitigen Polarisierungsversuchen (Aktivist gegen Konzern, Demo gegen Regierung). Wozu dann bitte Nachrichten?
    Von den Dingen die mich wirklich umtreiben lese ich in keiner Zeitung welche sich selbst als seriös bezeichnet. Selbst der DLF, welcher bei mir immer der einzige Grund war für die GEZ eine Lanze zu brechen, ist in Zeiten des Wahlkampfes einfach nur noch unerträglich erzieherisch.
    Nachrichten geben keine Antworten mehr, stellen keine unbequemen Zusammenhänge mehr dar und geben einem keinen Überblick mehr. Es wird fast ausschliesslich nur noch emotionalisiert, am besten noch über Themen die ausserhalb des Einflussbereichs sind (Situation in Venezuela, Vorfall in Ouagadougou, Hungersnot in Afrika).
    Nein, da benötigt man keine Nachrichten mehr. Eine Meinung habe ich selbst und allein dieser Umstand scheint nicht erwünscht zu sein, so oft wie man für selbige angegriffen wird.

    Die Konsequenz des dieser Lenkbewegungen ist als kleiner Bürger eben die Devise frei nach Peter Lustig: Abschalten.

    Gruß aus dem Schwabenland

  4. Christian Buchholz | 16.08.2017 um 12:05 | Antworten

    Die „Nachrichten“ zu schauen oder zu lesen, lohnt ja auch nicht wirklich. Meist sind es ja nur irgendwelche Infoschnippsel, irgendwelcher halbgar recherchierter Newstickermist oder irgendjemand versucht mir seine Meinung aufzuzwängen.

    Ich habe den SPIEGEL nach über 25 Jahren abbestellt, weil im Magazin immer mehr Raum für Meinungsmüll von Leuten wie Fleischhauer und Stokowski belegt wird.

    Große Hintergrundsartikel werden in meiner Wahrnehmung immer weniger und unkomplexer.

  5. Ich will das was du schreibst nicht beschönigen, mir geht es ja manchmal genauso.
    ABer versetz dich mal in die Lage der 2Anderen“. Ein Großteil der Bevölkerung hat nicht die Möglichkeit den ganzen Tag am Rechner zu sitzen und ab und zu mal bei Spiegel Online, Bildblog 8dadurch kam ich hierher) o. ä. reizuschauen.
    Die kommen abends heim, haben nueigkeiten aus der Familei zu verarbeiten. Haben vielleicht noch ein Hobby oder wichtigere Dinge zu tun (Garten, haus, Oma..).
    Fallen aufs sofa und lassen sich vom TV berieseln. Klar geht es denen gut. ABer ich verstehe auch, dass die erst mal filtern, was wirklich wichtig für sie selbst ist: Wetter, Air Berlin Pleite (Urlaub ist gebucht), Dieselgate (Auto ist bestellt).
    Syrien, identitäre Bewegung joaaah, weit weg.
    Und seien wir ehrlich, was würde es ändern, wenn sich diese Leute damit beschäftigen. die Hälfte schließt sich womöglich den identitären an, weil sie unterwegs in die andere richtung abbiegen als du und die andere Hälfte regt sich kurz auf und das wars (so wie du 🙂 ).
    Wie gesagt, ich finde den Artikel gut, und fühle ab und zu ähnlich, aber ab und zu sollte man auch mal versuchen zu verstehen.

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