Nachwuchs Kriegsberichterstatter

Ein Chirurg muss eines Tages zum ersten mal die Klinge an einen echten, lebenden Menschen ansetzen. Auf diesen Moment kann man sich vorbereiten, es gibt keinen Probelauf und kein Zurück. Genau so wird ein Kriegsberichterstatter eines Tages zum ersten mal beschossen werden. Unter Umständen wird eines Tages das erste mal eine Person in seinen Armen sterben. Das ist der Moment, auf den man sich theoretisch vorbereiten kann, den man aber erst dann versteht. Todesangst zu haben kann man nicht üben. Man kann auch vorher nicht entscheiden, ob man eine Leiche bergen kann, oder ob man sie zurück lässt, um die eigene Haut zu schützen. Und man kann die Scham nicht üben, die man empfindet, wenn man der Familie sagt, dass die Leiche zurück gelassen wurde.

Für diese Arbeit wird man nicht fürstlich bezahlt, nicht mal gut. Ob “fair” kann man auch nicht sagen – was wäre “fair” für so etwas? Die meisten Kriegsberichterstatter sind Freelancer. Idealisten, die die Wahrheit an den Tag bringen wollen oder die sich an das Leben im Konflikt gewöhnt haben. Sie hangeln sich mehr schlecht als recht von einem Auftrag zum nächsten.

Warum macht man das also? Die meisten Leute, die ich getroffen habe, wollen die Welt verstehen. oder wenigstens einen Teil davon. Oder sie wollen den Opfern eine Stimme geben, das Leid für die Nachwelt dokumentieren und davor warnen. Aber wie kommen diese Leute dazu? Man kann sich nicht vorstellen, dass Eltern sagen “Mein Kind, mach was richtiges, werde Kriegsberichterstatter!” – Man kann es auch nicht wirklich studieren. Das Uni-Leben dürfte nicht viel mit der Front zu tun haben. Man muss es einfach wollen und sich selber gegenüber vertreten können.

Aber genau diese Punkte sind die häufigsten Fragen zu dem Thema. Und es ist gut, wenn man sie persönlich stellen und nachhaken kann. Daher spreche ich gerne mit Nachwuchsjournalisten, um ihnen aus der Praxis zu erklären, worum es geht. Viele von ihnen werden nie in diesen Bereich gehen, aber sie wollen mehr darüber erfahren. Andere können sich vorstellen, so etwas zu machen, haben aber keine konkrete Vorstellung davon.

Heute hatte mich die Jugendpresse eingeladen, im Rahmen des Jugendmedienworkshop 2018 etwas zum Thema “Krieg und Frieden” zu erklären. Statt einem weiteren Vortrag ging es aber darum, 90 Minuten lang in einer Gesprächsrunde alle Fragen zu beantworten, die kommen. Maximal zwanzig Interessierte sollten mich dabei ins Kreuzverhör nehmen. Aus meiner Sicht das richtige Format für eine solche Sache. Wer Fragen hat, kann direkt starten. Die anderen können zuhören, bis sich Fragen ergeben. Und die ergaben sich bei allen. Kann man davon leben? Wie sieht es mit Israel aus? Sollten die Amerikaner sich mehr oder weniger engagieren? Auslandseinsätze der Bundeswehr – gut oder schlecht? Eine ganze Menge zum Thema direkt und zu allem, was sich drum rum ergibt.

Die Schwierigkeit für mich ist, dass ich diese Aufgabe mag, mich an die schlechten Seiten gewöhnt habe und es weder zu gut noch zu schlecht darstellen will. Die Frage “Sollte ich das auch machen?” kann man daher nicht beantworten. Ich versuche einen Überblick über das zu geben, was ich mache. Und an wen wendet man sich, wenn man wirklich mal ins Kriegsgebiet geht? Ich habe angeboten, dass sich alle an mich wenden können. Ich habe Erfahrung und Ausrüstung und stelle beides gerne zur Verfügung, wenn es hilft, die Leute sicher zurück zu bringen.

Es war ein sehr anregendes und interessantes Gespräch. Am Ende haben wir eine Stunde überzogen – und nur aufgehört, weil es noch Folgetermine gab. Aber gerade durch das Gespräch ergaben sich stets weitere Fragen.  Der Vorhang zu, und alle Fragen offen, könnte man sagen. Mal sehen, wann es die nächste Runde dazu gibt.

Foto: Thies J. Hansberg