„Nazis rein“? – Dann bin ich tot!

Früher war der Spiegel unantastbar, wenn es um Faktencheck und gute Berichte ging. Was dort drin stand, brauchte man gar nicht erst hinterfragen. Diese Zeiten sind leider lange vorbei und die Qualität der Arbeit ist dort eher sehr polarisiert geworden. Ich habe nun mehrmals sehr schlechte Erfahrungen mit der Redaktion gemacht, weswegen ich meine Zusammenarbeit sehr zurück gefahren hatte, nachdem ich seit 15 Jahren als Interviewpartner für print, online und TV zur Verfügung stand. Seitdem der Spiegel „Nazis rein“ fordert, kann ich damit gar nichts mehr zu tun haben. Aber von Anfang an:

Urheberrechtsverletzung 2013

Bereits 2013 verwendete Spiegel Online ein Foto von mir, ohne dieses zu lizenzieren. Der Mitarbeiter gab später an, er hätte die Lizenz nicht verstanden und wäre einfach davon ausgegangen, dass er es nutzen könnte. In dem Fall hatte ich keine Forderungen gegenüber Spiegel geltend gemacht, um zu sehen, ob sie es selber für richtig halten, Geld für die Verwendung von fremdem Material zu zahlen. Bis heute wurde mir (freiwillig) keine Zahlung angeboten.

Urheberrechtsverletzung 2015

Zwei Jahre später war ich an der IS-Front in der Autonomen Region Kurdistan. Ich recherchierte dort den Bundeswehrwaffen hinterher. Es gab in Deutschland die Headline, Peschmerga würden die Waffen auf dem Basar verkaufen – wofür bis heute die Belege fehlen. Auch der Spiegel berichtete dies, ohne eine solide Quelle benennen zu können. Am Rande der einwöchigen Recherche drehte ich ein Video, welches Tobias Huch zeigt, wie er eine Granate der Peschmerga mit einer Frage an den IS beschriftet. Diese 50 Sekunden griff der Spiegel auf, um darüber zu spotten. Ich war überrascht, dieses Video mit dem Copyright von Spiegel TV und dem Wasserzeichen von Spiegel Online im Internet zu sehen, hatte ich doch nie eine Anfrage von ihnen erhalten und das Video auch nicht zur Nutzung freigegeben. Und selbst dann würde das Copyright bei mir liegen. Ich fragte dort an, ob ich das Video bei ihnen kaufen könnte. Problemlos wurde es mir zum Kauf angeboten. Mein eigenes, von ihnen nicht lizenziertes Video! Abgesehen von der rechtlichen Sache, hatte wohl auch niemand dort einen Faktencheck gemacht. Niemand aus dem Team war kontaktiert worden, um sich die Umstände des Drehs bestätigen zu lassen. Damals bloggte ich über dieses Verhalten, welches aber auch andere Medien betraf. Der „Head of Social Media @ Der Spiegel“ meldete sich bei mir und erklärte: „Rechtlich ist das Verhalten von SPIEGEL ONLINE wohl nicht zu beanstanden“ und weiter „Wir haben Enno Lenze noch gestern Nacht in die Credits aufgenommen, weil das auch eine Frage der Transparenz und des fairen Umgangs ist“. Man sieht es also nicht als rechtliche Notwendigkeit, den Urheber zu nennen, sondern meint, es sei „fair“. Am Ende war die rechtliche Situation, wenig überraschend, anders. Da ich aus dem Fall von 2013 wusste, dass freiwillig keine Zahlung zu erwarten war, lies ich mich in diesem Fall anwaltlich vertreten, um ein übliches Honorar zu erhalten.

„Nazis rein“ 2019

Am 20. Januar 1942 beschlossen die Nazis auf der Wannseekonferenz die „Endlösung der Judenfrage“ – also den Holocaust. Jedes Jahr wird um dieses Datum rum an den Mord an sechs Millionen Menschen in Vernichtungslagern erinnert und man mahnt, dass Nazis nie wieder Fuß fassen dürfen. Doch am 18. Januar 2019 titelte der Spiegel „Nazis rein“. Dort steht, dass kein Mensch, also auch kein Nazi „(…) so schlecht sei, dass er nicht Anspruch auf einen Platz in der Gesellschaft habe“. Ich konnte es nicht fassen und guckt nochmal: Ja, im Spiegel. Nein, die wurden nicht gehackt. Und die Nazis hatten die Macht nicht übernommen – man hatte sich dort also aus freien Stücken zu dieser Zeit für diese Überschrift entschieden. Mein ganzer Freundeskreis ist links, jüdisch oder zumindest nicht durchgedreht. In meinem ganzen Umfeld gab es zu der Zeit nur „gegen das Vergessen“, „we remember“ und „Never Again“. Und dann so etwas? Ich las den ganzen Text, aber es wurde nicht besser. Es ist ja nicht so, als hätten Nazis keine andere Möglichkeit im Leben. Sie können es lassen. Und wenn jemand onanierend durch die U-Bahn rennt sagt man ja auch „lass das“ und nicht „der hat einen Anspruch auf Platz in unserer Gesellschaft – wo soll er denn sonst hin!?“. Aber im Spiegel will man ein einfaches „lass das“ bei Nazis nicht gelten lassen.

Ich überlegte mir, wie diese Welt aussähe, in denen die Nazis einen Anspruch auf einen Platz haben. Also ein verbrieftes Recht Nazi zu sein. Zum Kern der Nazi-Ideologie gehört es, alle zu ermorden, die einem nicht passen. Eines der ersten Ziele wären alle Einrichtungen und Vereine mit dem Regenbogen oder Davidstern – so wie mein Sportverein Makkabi. Statt Dienstagabends gemeinsam und friedlich Sport zu machen, würden wir ermordet werden.

Eines der Interviews für Spiegel TV

Ich fragte einen Bekannten, der beim Spiegel arbeitet. Dieser wiegelte ab „HAHAHA … ach ja… naja… das sagt der halt so. Aber keine Ahnung, hab ich ja nichts mit zu tun“. Ich fragte mich, wo man das so sagt? Bei der NSDAP? Bei anderen rechten Parteien? Bei den Reichsbürgern? Will man mit denen in einer Reihe stehen? Und dann kein Wort der Entschuldigung? Kein Bedauern? Keine Sorge um die Signalwirkung, wenn man „Nazis rein“ fordert? Nein. Gar nichts.

Problem anderer Leute

Mit Drohung und schusssicherer Weste

Der entscheidende Teil des Satzes für mich war aber: „hab ich ja nichts mit zu tun“. Wenn man keine Verwandten durch Nazis verloren hat, wenn man nicht von (Neo-) Nazis mit dem Tode bedroht wird – klar kann man dann über die Forderung lachen. Sie geht einen ja nichts an! Aber vielleicht sollte man mal an die denken, die es angeht. Vielleicht sollte man an jüdische Schulen denken, die wie Gefängnisse gesichert sind. Vielleicht sollte man an Vereine denken, die Homosexuellen helfen und überfallen werden. Und wenn man noch Zeit übrig hat, sollte man vielleicht an Leute wie mich denken, für die Todesdrohungen der Alltag sind. Ich stehe immer wieder wegen Neonazis unter Personenschutz oder Polizeischutz, ich werde regelmäßig mit gepanzerten Fahrzeugen gefahren, muss oft (auch in Deutschland) schusssichere Westen tragen, (islamistische) Extremisten haben versucht mich zu erschießen und die Sicherheit meiner Wohnung wird monatlich überprüft. Für mich ist die Bedrohung ganz real – für viele andere in diesem Land auch. All diese werden durch eine solche Forderung verhöhnt. Aber was tut man nicht alles für Klicks und Werbeeinblendungen. Unter Journalisten gibt’s den gehässigen Spruch „lieber einen guten Freund verlieren, als die Story“ – bei so einer Forderung könnte es Realität werden.

Keine Zusammenarbeit mehr

Der Spiegel bleibt dabei. Der Autor und alle, die den Text durchgewunken haben, arbeiten weiter. Die Kollegen in der Redaktion distanzieren sich nicht, kündigen nicht. Business as usual. Ich habe mich daher entschieden, nicht mehr mit dem Spiegel zusammenzuarbeiten. Keine Interviews mehr, keine Fotos mehr, keine Videos mehr (auch wenn sie sich diese ja so oder so nehmen…). Ich kann ja nicht die Leute unterstützen, die mir die Pest an den Hals wünschen.

Und auch wenn dort die Erinnerung an den Holocaust zu verblassen erscheint: We remember!

Nazis raus!