Ohne Faktencheck, mit viel Meinung

Journalismus ist heutzutage vor allem ein Geschäftsmodell. Das heißt nicht, dass die einzelnen Journalisten geldgierig oder nur auf Klicks aus sind, aber das Unternehmen darüber muss halt seine Rechnungen zahlen. Onlinemedien sind für den Nutzer meist kostenlos, Zeitungen und Zeitschriften haben sinkende Auflagen – da sparen viele zuerst an den Dingen, die der Nutzer nicht sieht. Zum Beispiel am Faktencheck der Artikel.

Faktencheck in deutschen Medien

Nun mag ein „Faktencheck“ teilweise trivial und nutzlos klingen. Wenn Merkel nach Paris fliegt, wird man kaum am Flughafen anrufen und fragen, ob sie wirklich da war. Wenn man etwas über einen neuen Satelliten schreibt, wird man den kaum vorher oder nach dem Aussetzen sehen können und muss sich auf die Angaben der Weltraumagenturen verlassen. Aber Fälle wie der von Stephen Glass, der sich reihenweise Geschichten ausdachte und dem Fall Relotius beim Spiegel zeigen, wie wichtig es ist. Und der Job ist schwer und nervig. Sagt der Journalist z.B., dass er in einem Café mit einer Person gesprochen hat, so kann man das eine Woche später vom Büro aus kaum noch verifizieren. Aber was macht man dann? Den Teil weglassen oder dennoch mit reinnehmen? Ich würde den Job nicht machen und die Entscheidungen nicht treffen wollen.

Arnd Ginzel berichtet aus seiner Erfahrung, welche wichtigen Teile einer Geschichte einem guten Factcheck zum Opfer fallen können. Aber so ist es nun einmal, wenn man das solide macht. „Es war ein Foto, das aus der Ermittlungsakte stammte und das wir gerne mit dem Text veröffentlicht hätten. Es zeigte weiße Säcke mit einem Kreuz. Die Dokumentation bestritt, dass es sich um rote Kreuze handelte, wie wir behaupteten. Dabei stand sogar in den vorliegenden Ermittlungsdokumenten, dass die Drogen in diesen Rot-Kreuz-Säcken verpackt waren. Auch die Piloten bestätigten das. Der Fotograf hatte schlicht aus großer Entfernung gegen die Sonne fotografiert, so dass die Kreuze dunkel erschienen.

Ich kenne es als Zitatgeber wiederum andersherum. Noch nie hat mich jemand kontaktiert, um zu fragen, ob ich das Interview wirklich geführt habe oder etwas wirklich gesagt habe. Dutzende Male wurde ich falsch (aber inhaltlich noch passend) zitiert. Auch in meinem Freundeskreis gibt es Leute, die häufig mit Journalisten sprechen. Solange sich niemand nachher beschwert, könnte man also davon ausgehen, dass das schon in Ordnung war. Aber geprüft wurde es eben auch nicht. Und die Papier-Aufzeichnungen des Journalisten könnte er auch zu Hause gemacht haben. Vor einigen Tagen sagte mir ein Journalist im Gespräch: „Na, du bekommst die Factchecks von uns ja auch nicht mit“ – ich frage mich aber, wie geprüft wird, ob ich ein Zitat gegeben habe, wenn ich dazu nicht gefragt werde. Aber gut. Dann dürften die Folgenden Fälle ja nie passiert sein.

Ich habe auch mal ein Foto eines Panzers der Peschmerga gemacht, welches südlich von Kirkuk aufgenommen wurde. Da es mal irgendwo als Foto eines Panzers der irakischen Armee vor Bagdad katalogisiert wurde, taucht er als solcher immer wieder in Artikeln auf. Er hat aber keine irakische Flagge drauf, sondern eine Flagge der kurdischen Partei PUK. Was solls?!

Der Tagesspiegel berichtete mal im Checkpoint, dass mein Unternehmen pleite sei. Geschäftspartner sprachen mich darauf an, das alles war sehr unangenehm. Ich musste mehrmals beim Chefredakteur nachfragen, um nach Wochen eine Antwort zu erhalten: Angeblich hätte ich allen Mitarbeitern gekündigt und daher gingen sie von einer Pleite aus. Weder das eine noch das andere stimmte und niemand hatte mich dazu befragt. Mein Unternehmen war in Laufweite, man hätte einfach rüber kommen können.

Der Spiegel berichtete online, wir hätten im Berlin Story Museum einen Raum eröffnet, in dem man Hitlers Arbeitszimmer ansehen kann. Ich erklärte ihnen, dass wir im Berlin Story Museum gar nichts gemacht haben. Wir haben eine andere, neue Dokumentation über den NS-Terror unter dem Titel „Hitler – wie konnte es geschehen“ eröffnet. Verschiedener Inhalt, verschiedene Darstellungsformen, verschiedene Tickets und verschiedene Eingänge. Nur die Adresse war gleich. Wir hatten viele Besucher, die sauer waren, weil sie im falschen Museum waren. Der Journalist erklärte mir, dass ich das falsch sehe und er recht habe.

Mein Spezialgebiet

Seit Jahren melde ich mich bei anderen Journalisten, wenn ich Unklarheiten in ihren Artikeln finde. Oft geht es dabei um den Kampf gegen den IS oder um die Autonome Region Kurdistan. Gängig ist es, von „den Kurden“ zu sprechen, als sei das eine Gruppe.

Die Welt berichtete z.B. dass die Bundeswehr Waffen an die kurdischen Rebellen in Syrien geliefert haben. Falscher Staat, falsche Gruppe. Sie haben es umgehend korrigiert.

Seit Jahren berichten deutsche Medien, dass Peschmerga die von der Bundeswehr gelieferten Waffen verkauft hätten oder Häuser der arabischen Bevölkerung gesprengt hätten. Ich habe etliche nach ihren Quellen gefragt, dabei wurde meist im Kreis gezeigt. Einer hat’s vom anderen abgeschrieben und der am Ende hat nur eine Aufnahme, wie eine Waffe von einer Person an eine andere verkauft wird. Woher die Waffe kommt, wer Käufer und Verkäufer sind, ist völlig unklar. Aber egal! Keiner der Journalisten wollte die Sache nochmal recherchieren – so wie ich es vor Ort in Kurdistan (Irak) tat. Aber alle hatten ganz sicher recht.

Eigene Recherche an der IS-Front – machen die wenigsten

Auf der anderen Seite haben etliche Medien, die selber nicht vor Ort waren, anschließend mein Bildmaterial unlizenziert verwendet.

Bei anderen ging es weiter mit einem Detail: Welche Waffe wurde bei einem Anschlag in den USA verwendet? Aus meiner Sicht ein belangloses Detail, aber viele berichteten vom verwendeten AR-15. Es war aber ein Sig Sauer MCX. Warum also solche Details zur großen Nummer machen, wenn man sich nicht auskennt?

Die Deutsche Welle zitierte den Gouverneur von Kirkuk. Der gab eine Pressemitteilung raus und sagte: Er hat nie mit der DW gesprochen und das Zitierte nie gesagt. Die Deutsche Welle sagte mir daraufhin, er müsse sich persönlich melden, wenn er ein Problem damit habe.

Nachdem ich nun mit mehreren Dutzend deutscher Medien solche Erfahrungen gemacht habe, wundert mich vieles leider nicht mehr. Auch am aktuellen Skandal beim Spiegel sieht man, dass das Land nicht in Schockstarre verfällt, sondern dass es eines von vielen Themen ist. Unter wenigen Schlechten leiden, wie immer, viele Gute. Und das sollte nicht so sein. Aber damit es nicht so ist, müssen viele der Redaktionen ihre Hausaufgaben machen und vielleicht wieder mehr selber recherchieren und weniger bei anderen abschreiben, äh Verzeihung, sich weniger auf „Recherchen der anderen stützen“, wie man in dieser Branche sagt.

Zum Foto ganz oben:
Ich habe in Kurdistan-Irak am Pool gelegen (weil es dort Internet gab) und drei Stunden lang den Faktencheck zu einem einstündigen Gespräch gemacht.