Politiker sind nur für Unternehmer da

Ich bin immer wieder erschüttert über das Desinteresse vieler Menschen an Politik. Das Kernproblem scheint mir, dass sie nicht verstehen, dass zwischen ihrem Leben un der Politik ein Zusammenhang besteht. Viele wissen nicht mal, wo immer so überraschend neue Gesetze her kommen. Und wenn Politiker etwas tun, dann nur für die Unternehmer. Ich selber bin Unternehmer und politisch aktiv und darf mir diese Dinge immer wieder anhören. Und es nervt mich. Ich habe auch schon zur Schulzeit mit Politikern gesprochen, ohne reiche und einflussreiche Eltern zu haben und ohne selber Politiker oder Unternehmer zu sein. Ich sehe da auch eher einen anderen Zusammenhang.

Schwanenhaus im Engelbecken

Schwanenhaus im Engelbecken

Unternehmer haben oft ein größeres Interesse daran etwas zu verändern, weil es um ihr eigenes Geld geht. Das ist in unserer Gesellschaft ein großer Antrieb. Während Leute mit nicht kommerziellem Interesse demonstrieren, Facebookevents machen und Onlinepetitionen unterzeichnen gehen die Unternehmer auf Veranstaltungen, bei denen sie mit den Politikern reden. Häufige Frage: Wie kommt man auf diese Events? Viele stehen in den öffentlichen Kalendern der Politiker und sind auch öffentlich. Aber man muss eben Zeit investieren. Ich besuche seit Jahren regelmäßig diverse langweilige Events um ab und zu ein passendes Gespräch führen zu können. Beim Gespräch geht es um ganz menschliche Dinge: Ist man freundlich und kann man sich kurz und knapp ausdrücken? Schon fertig.

Wie komme ich gerade  auf das Thema? In Berlin Kreuzberg gibt es das Engelbecken, also einen großen Teich, der früher mal Todesstreifen war.  Dort gibt es einen Bürgerverein in dem auch einige Unternehmer aktiv sind. Zusammen hat man zum Beispiel ein historisches Schwanenhaus nachbauen lassen. Da verdient man keinen Cent mit, es kostet Zeit, Geld und Nerven und man muss erstmal die Idee haben. Da kommen immer wieder Idioten und versuchen es zu zerstören. Daher muss man immer wieder hin und es aufstellen und reparieren. Das heisst, man geht am freien Tag mit Schwimmsachen, Werkzeug und ein paar Leuten hin und investiert so zwei Stunden, währen die anderen Leute im Cafe sitzen und ihr Eis genießen. Ich mache das gerne, aber es kostet nun mal Zeit. Anschließend werden Bezirksamt, Bezirksbürgermeister usw. über den restlichen Vandalismus informiert: Mülleimer abgerissen, Bänke in das Engelbecken geworfen usw.  Das wird auch alles fotografiert, damit die Zuständigen sich die Begehung sparen und schnell die entsprechenden Teams zur Reparatur los schicken können.

Auf dem Foto oben sieht man drei Unternehmer und zwei nicht-Unternehmer in ihrer Freizeit (Cheena, Oranche, Wieland, Adsiz und mich). Wenn wir dann die (Lokal)politker dann drum bitten, an einer bestimmten Stelle mehr Bänke oder mehr Mülleimer zu haben, dann klappt das oft und manchmal sogar sehr kurzfristig. Das freut einen sehr. Und in dem Moment heißt es dann von Leuten, die nicht geholfen haben: „Ah die Politiker springen wieder, wenn die Unternehmer es wollen“. Und das ist dann auch der Moment, wo man das Argument nicht mehr hören will. Unternehmer, die sich bürgerlich Engagieren und die darüber engeren Kontakt zu den Lokalpolitikern haben, sehen ich sehr viel. Aber andere scheinen diesen Punkt gerne zu ignorieren. Die meckern dann nur wieder über die fiese „Lobbyarbeit“ oder über die „enge Verstrickung von Geld und Macht“.

  • Johannes Stabe

    Nicht als widerspruch, sondern als ergänzung aus meiner perspektive:
    Du stellst deine eigenen erfahrungen dar und leitest daraus ab, dass verschiedene landläufige beschwerden über politikerInnen nicht zutreffend sind. Das scheint mir ein bisschen weit.

    Das lobbyarbeit und enge verstrickung von macht und geld realitäten sind, scheint mir auch dir bewusst. (allgemeines tempolimit auf autobahnen wird von der autoindustrie blockiert. 80k alkoholtote machen nicht, dass warnhinweise auf der flasche sind oder jeder fussballblock vollgeworben wird mit bier. Tabak ist keine europ. Industrie. Die windindustrie scheint sich auch in die richtung gemausert zu haben.)
    Eher geht es dir wohl darum, dass mitmenschen sich weniger politisch engagieren als du und dafür d.e. unzutreffende gründe nennen.

    Long story short:
    Viele haben schlichtweg nicht die zeit u/o autonomie um sich langwierig in den pol. prozess einzufinden. Arbeitsweg+arbeit+einkaufen+essen=tag.

    Wenn es um kritische themen geht, sieht die sache anders aus.
    Ich hatte schon so manche begegnungen mit politikern und verwaltungsleitern, die sehr unschön wurden, sobald gegenüber realisierte, dass ich ein berechtigtes anliegen habe, das ihnen arbeit macht.

    Wenn man bildungsferner is, is man am arsch.
    Wir haben ne sehr geringe soziale mobilität. Wenn jmd nen abitur macht, dann meist, weil seine eltern auch abitur machten und ebenso andersrum.
    Da die menschen mit höherer bildung eher machtpositionen besetzen, ist wenig kenntnis der ursachen und umstände von armut in den institutionen.
    Und wenn man dann als bildungsferner in diesen strukturen agieren möchte, wird man permanent herabgewürdigt.

    Ich glaub eher: wer sich selbständig gemacht hat, der hatte schon eine gute vorbildung.
    Mit der gewissheit des eigenen status und der autonomie der freieren zeitherrschaft kann man dann viel tun.

    Mach mal nen monat als lehrer, erzieher, putzfrau, kassiererin.
    Sieht die sache m.e. ganz anders aus.

    Was fehlt, sind strukturen, menschen zu ermöglichen, auch mit wenig verfügbarer zeit und geringerer bildung, politisch gehört zu werden.