Rechte Gewalt im Alltag

Rechte Gewalt, rassistische und antisemitische Beschimpfungen, angezündete Asylbewerberunterkünfte und auch Morde an Migranten sind inzwischen Meldungen, die wir in einer gewissen Routine lesen. Man sollte meinen, dass gerade die Deutschen aus ihrer Geschichte gelernt haben. Aber natürlich wissen wir, dass es anders ist.

Gestern Abend erreichte mich eine Meldung, die anders war. Es betraf eine Freundin von mir. „Sie ist von Neonazis aus dem Auto gezogen und zusammengeschlagen worden. Wir sind in der Notaufnahme„. Zwanzig Minuten später war ich auch da und ließ mir den Vorfall schildern:

Das Opfer ist eine Deutsch-Kurdin, welche im Abendkleid und auf Stöckelschuhen unterwegs zu einer Verlobungsfeier war. Ein Mann schlug vor ihre Scheibe, riss die Tür auf  und beschuldigte sie, ihn mit dem Auto geschnitten zu haben. Sie konnte sich das nicht vorstellen, wollte sich aber selber davon überzeugen, dass sich die Autos nicht berührt haben, es also keine Schäden gibt, bevor sie weiter fährt, und stieg aus. Der Täter war mit einer Frau unterwegs. Zusammen beschimpften sie ihr Opfer und sagten, sie solle „zurück in ihr Land gehen„. Danach schubsten sie ihr Opfer auf den Boden und schlugen auf sie ein.

Es war am helllichten Tag, mitten in Berlin. Menschen liefen auf dem Bürgersteig vorbei oder fuhren mit dem Auto drum herum. Niemand half. Das ist in Deutschland völlig normal geworden. Viele Menschen sind so egoistisch und faul geworden, dass sie lieber jemanden sterben lassen würden, als nur zehn Sekunden einen Notruf abzusetzen. 

Die Täter ließen von ihr ab, nachdem jemand die Polizei gerufen hatte und das Opfer weg zog. Doch sie hatten einen Plan: Sie wollten aus dem Opfer die Täterin machen. Die Rothaarige, welche gerade noch an der Tat beteiligt war, riss sich ihre Haar-Extensions raus und gab sie dem Mann. Diese sollten als Beweis dafür gelten, dass sie angegriffen wurden und Haare ausgerissen worden waren. Jedoch wurde die gesamte Szene gefilmt, was den Plan zunichte machte. 

Genau das ist aber eine gängige Vorgehensweise der heutigen Neonazis. Selber Teile der Situation filmen und Zeugen präsentieren, die eine ganz andere Geschichte erzählen. So möchte man den Opfern auch noch die Möglichkeit nehmen, sich rechtlich gegen die Täter zu wehren.

In der Notaufnahme sah ich das Ergebnis. Die Kleidung war verschlissen, die Schuhe kaputt, der Kopf verbeult. Mehrere Stunden wurde sie versorgt, geröntgt, und diverse Tests wurden vorgenommen, um andere Verletzungen auszuschließen.

Alles Dinge, die heilen werden, oder die man neu kaufen kann. Was bleibt, sind die tiefen Narben in der Seele und das Gefühl der Ohnmacht. Sie weiß nun, dass sie jederzeit von solchen Menschen überfallen werden kann und dass ihr dann niemand helfen wird. Mitten in Berlin, mitten am Tag.