Richard Grenell – das unbekannte Wesen

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Richard Grenell und Enno Lenze

Liest man Artikel über den US-Botschafter, so zeichnen diese oft ein sehr einfaches Bild von ihm: Der patriotisch-rassistische Ami-Playboy, der die deutsche Wirtschaft bedroht. Doch kaum ein deutscher Journalist hat so viel Zeit mit „Ric“ verbracht, wie ich. Wir haben uns in diesem Jahr mehrmals für mehrere Stunden getroffen und uns intensiv unterhalten. Er hat meinen Berlin Story Bunker angesehen und war zu mir nach Hause eingeladen, ich im Gegenzug in seine Residenz, sowie in die US-Botschaft. Ich kenne seinen Partner und einige ihrer Freunde, er kennt mein Umfeld. Ich habe ein ganz anderes Bild von ihm.

Ein Abend im Bunker

Wenn man von einem Botschafter einer befreundeten Nation besucht wird, läuft das übliche Protokoll ab. Zunächst kommt die Vorhut des LKA und prüft die Sicherheit. Man geht die Räume ab, erklärt Besonderheiten, beantwortet ein paar Nachfragen. Dann steht man draussen und wartet auf den eigentlichen Konvoi. Man ist artig angezogen, geht auf den Botschafter zu und spricht ihn mit „eure Exzellenz“ an. Ein Theater, welches aus vergangenen Zeiten stammt. Ich habe das zum Glück von klein auf gelernt und mich wundern die ganzen Bräuche schon gar nicht mehr. In diesem Fall lief es ab der Ankunft anders. Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Richard Allen Grenell, ist groß, sportlich und hat auf den ersten Blick die Statur der Personenschützer, die ihn umgeben. Das Hemd hängt über der Hose, der oberste Knopf ist offen und eine leichte Sonnenbräune scheint ihm aus dem Gesicht. Das Lächeln könnte auch von der Katze aus „Alice im Wunderland“ sein, so weiß und breit ist es. Entweder hat er es lange geübt, oder er ist einfach ein glücklicher Mensch. „Hi! Ich bin Ric!“ – streckt er mir seine Hand entgegen. „Und das ist Matt, mein Freund!“. Er schaut sich kurz um „Toll! Ich habe schon so viel über dein Projekt gelesen und musste einfach mal vorbei kommen!“. Auf den ersten Blick nicht das, was ich den Geschichten nach erwartet hatte. Aber freundlich sein und immer den Strahlemann machen gehört nunmal zu den Aufgaben eines Botschafters. Im Laufe der Zeit sieht man dann, ob dieses Verhalten anhält, oder nicht.

Wir sahen uns gemeinsam die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ an, welche ich mit konzipiert und aufgebaut habe und welche ich manage. Rassisten und ähnliches Pack wollen wir da nicht haben. Überfliegt man die Vita des Botschafters, so ist diese mindestens als „schwierig“ einzustufen: Breitbart News, der Vorzeige-Botschafter Trumps, Fox News, ein Merkel-Kritiker (vor allem im Bezug auf ihren Umgang mit Flüchtlingen). Auf der anderen Seite wollte er unbedingt diese Dokumentation sehen. Unser gemeinsamer Freund Elio Adler ist Vorsitzender der Werteinitiative jüdisch-deutsche Positionen und hatte den Kontakt vermittelt. Wäre „Ric“ also der Rassist, als der er gerne dargestellt wird, wäre die Freundschaft zu Elio Adler ziemlich wirr. Ein deutscher Jude und ein amerikanischer Schwuler, die sich treffen, um gemeinsam rassistisch zu sein? Zumindest passt das in kein Klischee mehr. Also musste es da noch mehr geben.

Die folgenden vier Stunden in der kleinen Gruppe zeigten recht klar, wer moralisch und politisch wo steht. Und wir stehen alle eindeutig auf der richtigen Seite, wenn es um die entscheidenden Fragen geht. Und wir alle unterstützen auch andere Projekte, die sich gegen das Vergessen der Nazi-Zeit oder gegen Antisemitismus stellen. Also macht Grenell genau das, was die AfD nicht macht. Er besucht „Gleis 17“ und nimmt an Gedenkveranstaltungen zur „Kristallnacht“ teil. Er bezieht immer wieder eindeutig Stellung, wenn es um diese Fragen geht. „Naja.. Ami halt.. stellt sich aus PR-Gründen hinter die Juden“ – ist etwas, was ich immer wieder dazu höre. Wie passt da rein, dass er für das Roma Institut gespendet hat und dessen Arbeit unterstützt? Roma gehören zu denen, die von allen gerne vergessen werden.

In der Dokumentation kommen wir zu einer Tafel über Dietrich Bonhoeffer. Grenells Wissen über ihn ist meinem weit voraus. Er kennt den Lebenslauf fast auswendig, kennt viele Zitate und den Einfluss Bonhoeffers auf andere Menschen. Ein Rassist, der Dietrich Bonhoeffer-Fan ist? Diese steile These zu halten, wird immer schwieriger. 

Am Ende stehen wir noch lange vor dem Bunker und sprechen über Rassismus, Antisemitismus, den starken und den schwachen Staat. „Wieso soll der Staat stark sein? Das Volk hat die Macht – also sollten sie auch Waffen haben dürfen“, erklärt er mir seine Sicht der Dinge. Ich sehe das anders, obwohl ich Schusswaffen zuhause habe. Vielleicht bin ich ein schlechtes Beispiel für meine eigene Meinung. „Hey, wir müssen darüber nicht streiten. Jeder hat seine Meinung“, beendet er diesen Punkt schnell wieder. Auch das überrascht mich. Gerade diese Diskussion wird oft sehr hitzig, nervig und sinnfrei von Hardlinern auf beiden Seiten geführt. Er versucht nicht mal, mich zu überzeugen. Er wollte nur seinen Punkt erklären – und ich meinen.

Solche Termine enden oft, wie one night stands: Man verabschiedet sich freundlich voneinander, verspricht sich im Kontakt zu bleiben, winkt einander zu – und hört nie wieder etwas von der anderen Person. Und das ist in diesem „Business“ ok – man gewöhnt sich dran.

Doch in diesem Fall war es anders. Wir waren beide überrascht, ein interessantes Gegenüber kennengelernt zu haben. Die nächste Einladung von „Ric“ musste ich ausschlagen, da ich eine Einhorn-Hüpfburg zu Waisenkindern an den Lake-Mosul liefern musste. Seine Antwort auf meine Absage „Du inspirierst mich!“. Dennoch liefen wir uns immer wieder auf verschiedenen Veranstaltungen über den Weg und hielten den Kontakt. Wenn wir uns auf Veranstaltungen über den Weg laufen, müsste er nach Meinung vieler, von AfD- und Pegida-Leuten umgeben sein. Die sah ich dabei jedoch nie. Viel mehr die Menschen, die vom rechten Pack mit Verachtung gesehen werden: Juden, Homosexuelle, Ausländer. 

Mit schusssicherer Weste zu den Hisbollah-Fans

Einmal im Jahr ziehen Hisbollah-Fans mit einer Demonstration durch Berlin und fordern die vollständige Einnahme der israelischen Hauptstadt Jerusalem. Alles, was nicht dem engen Weltbild der Hisbollah entspricht, wird verachtet. Diesem „Al Quds Marsch“ stellt sich jedes Jahr ein breites Bündnis von engagierten Menschen entgegen. Neben dem Innensenator Geisel sprachen auf der Bühne der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff und eben Richard Grenell. Zwischen den Terroristen-Freunden und der Bühne der Gegenveranstaltung lagen keine zehn Meter und es gab keine feste Absperrung.

Auf der einen Seite des Ku’damms lief der „Al Quds Marsch“ – auf der anderen Seite standen wir. Für diese Hisbollah-Fans ist Richard Grenell die Inkarnation des Teufels. Er ist US-Amerikaner, gegen die Hisbollah, für einen jüdischen Staat und schwul. Man kann davon ausgehen, dass viele Leute auf der anderen Seite ihn lieber tot als lebendig sehen würden. Während wir bei der Veranstaltung aneinander vorbei liefen, fielen mir zwei charakteristische Merkmale für eine schusssichere Weste unter seiner Kleidung auf. Und er hatte deutlich mehr Personenschützer bei sich als sonst. Auf der anderen Seite denke ich mir immer: Wenn man sich viel mit aktiver und passiver Sicherheit beschäftigt, dann sieht man überall Gespenster – bzw. in diesem Fall: verdeckt getragene schusssichere Westen und Waffen. Vielleicht hatte ich mich einfach getäuscht. Doch ich sollte Recht behalten. Die Gefahr für sein Leben direkt neben diesen Menschen wurde so hoch eingestuft, dass man ihn dringlichst bat, die Weste anzulegen. Im Gegensatz zu mir ist er nicht gewohnt, solche Westen zu tragen. Gerade bei der Hitze ist es wahnsinnig anstrengend, da sie so warm ist, wie ein dicker Pulli. Es ist also wirklich eine Ausnahme. Hätte er nun eine große Klasse-4 Weste über der Kleidung getragen, hätte man es als Show abtun können. Hier war aber klar, dass die Sicherheit tatsächlich massiv gefährdet wurde.

Als seine Mutter das Foto sah, kommentierte sie das einfach mit „Ich dachte, du bist einfach dick geworden!“. Auch in der Familie kann man mit Humor jede schwierige Situation glätten. Ich fand es dennoch bemerkenswert. Er war nicht als Redner angemeldet und die Medien haben es kaum wahrgenommen. Er hätte einfach zu Hause bleiben können. Aber er wollte sich dort klar gegen den Terrorismus, gegen Homophobie und gegen Antisemitismus stellen. Mit den Kurden aus dem Iran, die ebenfalls gegen den Marsch demonstrierten, hatte er hingegen gar keine Probleme.

Von Reagan und Kurdistan

Talking to Gouverneur Najmaldin Karim
Gouverneur Dr. Najmaldin Karim und Enno Lenze in Kirkuk

Unser nächstes, ausführliches Treffen sollte im Sonnenschein auf der Terrasse der US-Botschaft stattfinden. Nur einen Steinwurf vom Kanzleramt entfernt standen wir unter den „geheimen“ NSA-Büros und blickten über den Platz des 18. März auf den Tiergarten. Die Terrasse wurde getauft und heißt nun „Ronald Reagan“-Terasse. Und dieses Treffen, dieser Name, dieser Umstand zeigte mir wieder, wie klein die Welt ist und wie sich wirre Lebenswege kreuzen: Als Ronald Reagan am 30. März 1981 angeschossen wurde, wurde er im George Washington University Hospital behandelt. Der Leiter der Notaufnahme an diesem Nachmittag war Dr. Najmaldin Karim, ein irakischer Kurde, der vor Saddam geflohen war. Dr. Karim kehrte später nach Kurdistan (Irak) zurück und wurde Gouverneur von Kirkuk. Ich traf ihn, bevor ich das erste Mal an die IS-Front ging. Ein Foto dieses Treffens brachte ich Grenell als Gastgeschenk mit. Da wir uns bisher wenig über den IS und meine Zeit in Kurdistan unterhalten hatten, holten wir es hier nach. Und dieses Thema verbindet eine Menge Themen: Die USA als Weltpolizei, rechtlich fragliche Einsätze der US-Nachrichtendienste, Terrorismus, Islam vs. Islamismus, Fluchtursachen und die Aufnahme von Flüchtlingen. Mir schwante, dass diese Themen schwierig werden könnten. Ich halte nichts vom Anspruch der USA, sich überall auf der Welt einzumischen, wo es Öl gibt. Auf der anderen Seite hat kaum jemand den Kurden beim Kampf gegen den IS geholfen. Die Bundesregierung half sehr zögerlich und zaghaft. Die USA scheuten keine Kosten und Mühen und bauten südlich von Mosul direkt einen ganzen Flughafen auf. Die Bilder der US-Besatzer, wie aus dem Irak-Krieg, bleiben aus. Die Kurden lieben sie für ihre Hilfe.

Auf der Ronald Reagan Terrasse der US-Botschaft

Hilfe zur Selbsthilfe! Wenn sie die Terroristen dort erledigen, entstehen dort gar keine Flüchtlinge und alle können zuhause bleiben“, erklärt er mir knapp. Und in dem Punkt sind wir uns total einig. Niemand will Flüchtling sein. Niemand will gerne seine Heimat, sein Hab und Gut und seine Familie verlassen. Aber wenn es sein muss, dann müssen wir eben helfen. Da spalten sich unsere Meinungen an Details. Ich fand Merkels Entscheidung, denen zu helfen, die von der Welt im Stich gelassen wurden, total richtig. Und der Untergang der BRD ist bisher ausgeblieben. Wir haben nur bessere Baklava-Buden bekommen. „Ric“ sieht das in Details anders und verweist auf vereinzelte Probleme – die üblichen Dinge eben. Aus meiner Sicht haben wir aber ein viel größeres Problem mit Rechtsterroristen, die wir nichtmal importieren mussten. Und wir haben ein Problem mit dem rechten Pack, welches sich ausbreitet.

Doch auch bei dieser kontroversen Diskussion lässt er mich stets ausreden, hört mir zu, geht auf meine Argumente ein und erklärt mir seine Sicht der Dinge. Mit einem Rassisten könnte ich keine so gesittete Diskussion führen. Am Ende frage ich ihn, ob er mein Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus im Bunker weiter unterstützt. „Natürlich!“ – Ist die knappe und eindeutige Antwort.

Der Vorhang zu und wenige Fragen offen. Der US-Botschafter Richard Grenell ist bei weitem nicht der Klischee-Rassist, als den man ihn gerne darstellen will. Er ist manchmal ein „typischer“ Amerikaner, dessen Ansichten ich nicht immer verstehe und nicht immer teile. Aber wenn es um die entscheidenden Punkte im Leben geht, sind wir uns einig und stehen beide auf der richtigen Seite.