Richard Grenell – das unbekannte Wesen

Glaubt man einigen Artikel in den deutschen Medien, so verhält sich der US-Botschafter Richard Grenell wie ein „rechtsextremer Kolonialoffizier“, er sei ein „diplomatischer Totalausfall“ oder gar der „Hochkommissar einer Besatzungsmacht“. Fragt man die Leserinnen und Leser solcher Artikel, dann ist er „ein Rassist“ oder noch Schlimmeres. Die meisten Menschen, die ihn so bezeichnen, haben eines gemeinsam: Sie haben ihn nie getroffen. Die Trump-Administration macht sich mit seiner „America first“-Politik in Deutschland nicht gerade Freunde und Grenell ist Trumps Posterboy in Berlin. Somit gehört es inzwischen zum guten Stil, den Botschafter respektlos zu beschimpfen.

Die tiefsitzenden Vorurteile führen zu solch absurden Auswüchsen, dass die Frauengleichstellungsbeauftragte des Berliner Bezirks Spandau den Chef des Berliner Lesben- und Schwulenverbandes vorhält, er dürfe sich nicht mit Richard Grenell fotografieren lassen, weil der ein konservativer Republikaner sei. Ebenfalls auf dem Foto ist Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Aber mit der konservativen CDU, die inzwischenmit der AfD kooperiert, welche wiederum mit Pegida marschiert, hat man anscheinend kein Problem.

Kein One-Night-Stand

Wenn man von einem Botschafter einer befreundeten Nation besucht wird, läuft das übliche Protokoll ab. Zunächst kommt die Vorhut des LKA und prüft die Sicherheit. Man geht die Räume ab, erklärt Besonderheiten, beantwortet ein paar Nachfragen. Dann steht man draußen und wartet auf den eigentlichen Konvoi. Man ist artig angezogen, geht auf den Botschafter zu und spricht ihn mit „eure Exzellenz“ an. Ein Theater, welches aus vergangenen Zeiten stammt. Ich habe das zum Glück von klein auf gelernt und mich wundern die ganzen Bräuche schon gar nicht mehr. In diesem Fall lief es aber anders. Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in Deutschland, Richard Allen Generell, ist groß, sportlich und hat auf den ersten Blick die Statur der Personenschützer, die ihn umgeben. Das Hemd hängt über der Hose, der oberste Knopf ist offen und eine leichte Sonnenbräune scheint ihm aus dem Gesicht. Das Lächeln könnte auch von der Katze aus „Alice im Wunderland“ sein, so weiß und breit ist es. Entweder hat er es lange geübt, oder er ist einfach ein glücklicher Mensch. „Hi! Ich bin Ric!“ – streckt er mir seine Hand entgegen. „Und das ist Matt, mein Freund!“ Er schaut sich kurz um „Toll! Ich habe schon so viel über Dein Projekt gelesen und musste einfach mal vorbei kommen!“. Auf den ersten Blick nicht das, was ich den Geschichten nach erwartet hatte. Aber freundlich sein und immer den Strahlemann machen gehört nun mal zu den Aufgaben eines Botschafters. Im Laufe der Zeit sieht man dann, ob dieses Verhalten anhält oder nicht.

Wir sahen uns gemeinsam die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ an, welche ich mitkonzipiert und aufgebaut habe und welche ich manage. Rassisten und ähnliches Pack sind bei uns nicht willkommen. Überfliegt man die Vita des Botschafters, so scheint diese erst mal schwierig: Breitbart News, der Vorzeige-Botschafter Trumps, Fox News, ein Merkel-Kritiker (vor allem im Bezug auf ihren Umgang mit Flüchtlingen). Auf der anderen Seite wollte er unbedingt diese Dokumentation sehen. Unser gemeinsamer Freund Elio Adler ist Vorsitzender der Werteinitiative jüdisch-deutsche Positionen und hatte den Kontakt vermittelt. Wäre „Ric“ also der Rassist, als der er gerne dargestellt wird, wäre die Freundschaft zu Elio Adler ziemlich wirr. Ein deutscher Jude und ein amerikanischer Schwuler, die sich treffen, um gemeinsam rassistisch zu sein? Das passt in kein Klischee mehr. Also musste es da noch mehr geben.

Die folgenden vier Stunden in der kleinen Gruppe zeigten recht klar, wer moralisch und gesellschaftlich wo steht. Und wir stehen alle eindeutig auf der richtigen Seite, wenn es um die entscheidenden Fragen geht. Und wir alle unterstützen auch andere Projekte, die sich gegen das Vergessen der Nazi-Zeit oder gegen Antisemitismus stellen. Grenell engagiert sich in vielen Bereichen, in denen ich mich auch engagiere. Das hat mich überrascht, wird er von den Medien doch gerne in die Richtung der AfD gerückt.

Grenellmacht genau das, was die AfD nicht macht. Er besucht „Gleis 17, von dem die Juden ins Vernichtungsla gergetrieben wurden und nimmt an Gedenkveranstaltungen zur „Kristallnacht“ teil.Er bezieht immer wieder eindeutig Stellung, wenn es um diese Fragen geht. „Naja,ein Ami halt. Er stellt sich aus PR-Gründen hinter die Juden“,ist etwas, was ich immer wieder dazu höre. Wie passt da rein, dass er für das Roma Institut gespendet hat und dessen Arbeit unterstützt? Roma gehören zu denen, die von allen gerne vergessen werden. Durch deren Unterstützung erwirbt man sich keine besondere öffentlichkeitswirksame Anerkennung. 

In der Dokumentation im Berlin Story Bunker kommen wir zu einer Tafel über Dietrich Bonhoeffer. Grenells Wissen über den evangelischen Pastor und Widerstandskämpfer ist meinem weit voraus. Er kennt den Lebenslauf fast auswendig, kennt viele Zitate und den Einfluss Bonhoeffers auf andere Menschen. Somit wäre er nun schon ein schwuler Rassist, mit jüdischen Freunden, der Dietrich Bonhoeffer-Fan ist. Diese steile Rassisten-These zu halten wird immer schwieriger.

Am Ende stehen wir noch lange vor dem Bunker und sprechen über Rassismus, Antisemitismus, den starken und den schwachen Staat. „Wieso soll der Staat stark sein? Das Volk hat die Macht – also sollte es auch Waffen haben dürfen“, erklärt er mir seine Sicht der Dinge. Ich sehe das anders, obwohl ich Schusswaffen zuhause habe. Vielleicht bin ich ein schlechtes Beispiel für meine eigene Meinung. „Hey, jeder hat dazu seine Meinung. Aber das ist gerade nicht der Punkt“, beendet er dieses Thema auch schon wieder. Auch das überrascht mich. Gerade diese Diskussion wird oft sehr hitzig, nervig und sinnfrei von Hardlinern auf beiden Seiten geführt. Er versucht nicht mal, mich zu überzeugen. Er wollte nur seinen Punkt erklären – und ich meinen.

Solche Termine enden oft, wie ein One-Night-Stand: Man verabschiedet sich freundlich voneinander, verspricht sich im Kontakt zu bleiben, winkt einander zu – und hört nie wieder etwas von der anderen Person. Und das ist in diesem „Business“ ok – man gewöhnt sich dran. Doch in diesem Fall war es anders. Wir waren beide überrascht, ein interessantes Gegenüber kennengelernt zu haben. 

Die nächste Einladung von „Ric“ musste ich ausschlagen, da ich eine Einhorn-Hüpfburg zu Waisenkindern an den Lake-Mosul in Kurdistan-Irak geliefert habe. Seine Antwort auf meine Absage „Du inspirierst mich!“. Dennoch liefen wir uns immer wieder auf verschiedenen Veranstaltungen über den Weg und hielten Kontakt. Wenn wir uns auf Veranstaltungen über den Weg laufen, müsste er nach Meinung Vieler von Pegida-Leuten und Neonazis umgeben sein. Die sah ich dabei jedoch nie. Dafür sah ich Menschen, die vom rechten Pack mit Verachtung gesehen werden: Juden, Homosexuelle, Ausländer, Minderheiten. 

Mit schusssicherer Weste zu den Hisbollah-Fans

Einmal im Jahr ziehen Hisbollah-Fans mit einer Demonstration durch Berlin und fordern die vollständige Einnahme der israelischen Hauptstadt Jerusalem. Alles, was nicht dem engen Weltbild der Hisbollah entspricht, wird verachtet. Diesem „Al Quds Marsch“ stellt sich jedes Jahr ein breites Bündnis von engagierten Menschen entgegen. Neben Berlins Innensenator Andreas Geisel sprachen auf der Bühne der israelische Botschafter Jeremy Issacharoff und eben Richard Grenell. 

Auf der einen Seite des Ku’damms marschierte der „Al Quds Marsch“ – auf der anderen Seite standen wir. Zwischen den Terroristen-Freunden auf der anderen Seite des Kurfürstendamms und unserer Bühne der Gegenveranstaltung lagen keine zehn Meter. Es gab dazwischen keine feste Absperrung. Für diese Hisbollah-Fans ist Richard Grenell die Inkarnation des Teufels. Er ist US-Amerikaner, er stellt sich gegen die Hisbollah, er tritt für einen jüdischen Staat ein und ist schwul. Man kann davon ausgehen, dass viele Leute auf der anderen Seite ihn lieber tot als lebendig sehen würden. Als wir uns bei der Veranstaltung sahen, fielen mir zwei charakteristische Merkmale für eine schusssichere Weste unter seiner Kleidung auf. Und er hatte deutlich mehr Personenschützer bei sich als sonst. Auf der anderen Seite geht mir durch den Kopf: Wenn man sich wie ich viel mit aktiver und passiver Sicherheit beschäftigt, sieht man überall Gespenster – bzw. in diesem Fall: verdeckt getragene schusssichere Westen und Waffen. Vielleicht hatte ich mich einfach getäuscht. Doch ich sollte Recht behalten. Die Gefahr für sein Leben direkt neben diesen Menschen wurde so hoch eingestuft, dass man ihn dringlichst bat, die Weste anzulegen. Gerade bei der Hitze ist es wahnsinnig anstrengend, da sie so warm sind, wie ein dicker Pulli. Es ist also wirklich eine Ausnahme. Ich trage so Westen oft und kenne den Ärger damit. Hätte er nun eine große, kriegserprobte Klasse-4 Weste über der Kleidung getragen, hätte man es als Show abtun können. Hier war aber klar, dass die Sicherheit tatsächlich massiv gefährdet wurde. Als seine Mutter das Foto sah, kommentierte sie „Ich dachte, du bist etwas dick geworden!“.

Richard Grenell war nicht als Redner angemeldet. Die Medien haben ihn kaum wahrgenommen. Er hätte einfach zu Hause bleiben können. Aber er wollte sich dort klar gegen den Terrorismus, gegen Homophobie und gegen Antisemitismus positionieren. 

Richard Grenell, Enno Lenze, Matt Lashey

Der Gefahr ins Auge sehen, nicht zurückschrecken und Verantwortung übernehmen. Das ist für Amerikaner nicht neu. Wenn man jedoch Journalismus so versteht, über den Botschafter zu schreiben, ohne je mit ihm zu sprechen, erfährt man auch nicht, welche Tiefe der Erfahrung hinter den gegenwärtigen Ereignissen steckt. Als Rics Lebensgefährte Matt bei einem weiteren Besuch in der Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ mit den Kindern der Familie vor der Tafel über den D-Day steht, erläutert er, wie der Großvater im Alter von 18 Jahren dabei war. „Sie wussten, dass Viele sterben würden. Sie wussten, dass die Nazis alles tun würden, die Invasion zurückzuschlagen. Sie hatten die Bilder vom Krieg und aus den Vernichtungslagern gesehen und sagte: Das ist unsere Aufgabe, Europa von den Nazis zu befreien. Unser Großvater war kaum älter als ihr.

Selten habe ich Kinder und Jugendliche geführt, die so gut vorbereitet waren. Nach weit mehr als tausend Führungen kann ich das beurteilen. Die Eltern hatten offensichtlich mit den Kinder vorher darüber gesprochen. Man merkte, was die Kinder gelesen hatten. Gelesen – nicht im Fernsehen gesehen.

Von Reagan und Kurdistan

Talking to Gouverneur Najmaldin Karim
Chirurg und Gouverneur Dr. Najmaldin Karim und Enno Lenze in Kirkuk

Unser nächstes ausführliches Treffen sollte im Sonnenschein auf der Terrasse der US-Botschaft stattfinden. Nur einen Steinwurf vom Kanzleramt entfernt standen wir unter den „geheimen“ NSA-Büros und blickten über den Platz des 18. März auf den Tiergarten. Die Terrasse wurde getauft und heißt nun „Ronald Reagan Terrace“. Und dieses Treffen, dieser Name, dieser Umstand zeigte mir wieder, wie klein die Welt ist und wie sich wirre Lebenswege kreuzen: Als Ronald Reagan am 30. März 1981 angeschossen wurde, wurde er im George Washington University Hospital behandelt. Der Leiter der Notaufnahme an diesem Nachmittag war Dr. Najmaldin Karim, ein irakischer Kurde, der vor Saddam geflohen war. Dr. Karim kehrte später nach Kurdistan (Irak) zurück und wurde Gouverneur von Kirkuk. Ich traf ihn, bevor ich das erste Mal an die IS-Front ging. Ein Foto dieses Treffens brachte ich Grenell als Gastgeschenk mit. Da wir uns bisher wenig über den IS und meine Zeit in Kurdistan unterhalten hatten, holten wir es hier nach. Und dieses Thema verbindet eine Menge Themen: Die USA als Weltpolizei, rechtlich fragliche Einsätze der US-Nachrichtendienste, Terrorismus, Islam vs. Islamismus, Fluchtursachen und die Aufnahme von Flüchtlingen. Mir schwante, dass diese Themen schwierig werden könnten. Ich halte nichts vom Anspruch der USA, sich überall auf der Welt einzumischen zu dürfen. Auf der anderen Seite hat kaum jemand den Kurden beim Kampf gegen den IS geholfen. Die Bundesregierung half spät, sehr zögerlich und zaghaft. Die USA scheuten keine Kosten und Mühen und bauten südlich von Mosul direkt ihre „Q-West Airbase“ auf. Die Bilder der US-Besatzer, wie aus dem Irak-Krieg, blieben aus. Die Kurden lieben sie für ihre Hilfe.

Auf der Ronald Reagan Terrasse der US-Botschaft

Auf der Ronald Reagan Terrasse der US-Botschaft

Hilfe zur Selbsthilfe! Wenn sie die Terroristen dort erledigen, entstehen gar keine Flüchtlinge und alle können Zuhause bleiben“, erklärt er mir knapp. In dem Punkt sind wir uns total einig. Niemand will Flüchtling sein. Niemand will gerne seine Heimat, sein Hab und Gut und seine Familie verlassen. Aber wenn es sein muss, dann müssen wir eben helfen. Da spalten sich unsere Meinungen an Details. Ich fand Merkels Entscheidung, denen zu helfen, die von der Welt im Stich gelassen wurden, total richtig. Und der Untergang der BRD ist bisher ausgeblieben. Wir haben nur bessere Baklava-Buden bekommen. „Ric“ sieht das in Details anders und verweist auf vereinzelte Probleme – die üblichen Dinge eben. Aus meiner Sicht haben wir aber ein viel größeres Problem mit Rechtsterroristen, die wir nicht einmal importieren mussten. Und wir haben ein Problem mit dem Neonazi-Pack, welches sich ausbreitet.

Doch auch bei dieser kontroversen Diskussion lässt er mich stets ausreden, hört mir zu, geht auf meine Argumente ein und erklärt mir seine Sicht der Dinge. Mit einem Rassisten könnte ich keine so produktive Diskussion führen. Am Ende frage ich ihn, ob er mein Engagement gegen Rassismus und Antisemitismus im Bunker weiter unterstützt. „Natürlich!“ ist die knappe und eindeutige Antwort.

 4th of July – gemeinsame Werte

Den amerikanischen Unabhängigkeitstag feierten wir, zusammen mit dreitausend weiteren Gästen, auf dem Flughafen Tempelhof. In den 30er Jahren als Meilenstein der Baukunst gefeiert, von den Nazis mit Sklavenarbeitern gefüllt, von den Amerikanern für die Luftbrücke benutzt, dann der West-Berlin Flughafen und heute eine große Freizeitanlage. Hier kann man gut fühlen, wie gebrochen die Geschichte dieser Stadt ist. Und hier und mit diesen Leuten kann man sich auf die gemeinsamen Werte besinnen. Wir alle wollen in einer freien, demokratischen und offenen Welt leben. Auch wenn wir nicht alle im Details das gleiche darunter verstehen. Hier treffe ich auf Botschafter, Unternehmer und engagierte Leute aus sozialen Projekten. Die einen Verkaufen Industriegüter, andere sammeln Spenden für Minderheiten wieder andere wollen einfach ausgelassen feiern. Soziale Stellung, Vermögen und der genaue Job ist den Leuten an diesem Abend egal. Man erinnert sich daran, wie die Amerikaner Nazis erschossen haben, wie man dem verbrecherischen deutschen Volk eine neue Chance gab und wie man es vor den Sowjets „gerettet“ hat – zumindest einen Teil. Der Großteil der Deutschen hat sich nicht am Kampf gegen Nazis beteiligt. Wenn Grenell der Rassist ist, als der er in deutschen Medien dargestellt wird: Warum steht er dann hier auf der Seite der Befreier und nicht auf der Seite Hitlers?

In seiner Ansprache erinnert er an die Luftbrücke, den Kampf für Demokratie, Gleichberechtigung und den Rechtsstaat. Gemeinsame Werte, die wohl niemand im Abrede stellen würde.

Für das Berlin Story Museum im Bunker hat Gail Halvorsen kleine Fallschirme gebaut, wie er sie damals während der Luftbrücke 1948/1949 als erster Candy-Bomber für die Kinder Berlins aus dem Flugzeug geworfen hat. Jeder kennt die Fotos der glücklichen Kinder, die auf „Onkel Wackelflügel“ warten. Die Sowjets hatten die Zufahrtswege nach West-Berlin dicht gemacht, um die Stadt auszubluten. Amerikaner und Briten haben uns am Leben erhalten. Durch die drei Luftkorridore kamen die Flieger in fünf Ebenen, um alle drei Minuten in Tempelhof landen zu können. Mehr als 50 Soldaten kamen bei der Aktion ums Leben. Im Museum erinnern wir ausführlich daran und fallen dann im AudioGuide aus der erzählenden Rolle, indem wir uns direkt an die Besucher aus diesen Ländern wenden und uns im Namen der Berlinerinnen und Berliner bei den Rettern bedanken. Von Berlin ging der Krieg aus. Mehr als 60 Millionen Menschen wurden umgebracht, mehr als 400.000 amerikanische Soldaten kamen bei der Befreiung Europas von den Nationalsozialisten um. Anschließend ließen die Amerikaner uns nicht hängen, sondern brachten zu essen. Sie landeten genau hier auf dem Flughafen Tempelhof, in dessen Hangar die Feier zur Unabhängigkeit der USA stattfand. „Meine Rollbahn in die Freiheit“, sagt mein Vater, der als Kind aus der DDR über Tempelhof in den Westen ausgeflogen wurde.

Neben Botschafter anderer Nationen, einigen deutschen Politikern sowie wenigen Journalisten waren wieder Menschen eingeladen, welche sich für Minderheiten engagieren oder diese vertreten: Ob Rabbi, jesidische Journalistin, offen schwuler Politiker oder Roma-Forscherin. Sie sprachengerne über ihre Projekte und über die Hilfe, die sie durch „Ric“, wie ihn alle hier nannten, erhalten haben. 

Er kam auf mich zu und nahm den Ausgangspunkt unserer allerersten Begegnung im Berlin Story Bunker auf: „Jeder Besucher aus den USA sollte den Bunker sehen. Dort sieht man dass Menschen die Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen und eigene Entscheidungen treffen müssen.“ – Die Amerikaner haben damals Verantwortung übernommen und haben sich für den Kampf gegen die Nazis entschieden. Ob wir ohne Ihren Einsatz heute eine Demokratie in Deutschland hätten, ist fraglich.

NSA in da house!

Projektion auf die US-Botschaft in Berlin

Man kann die Trump-Administration und die „Weltpolizei“-Politik der USA gerne problematisch sehen und kritisieren. So, wie ich es regelmäßig tue. Als Teil der „Pixelhelper“ habe ich kritische Nachfragen an verschiedene Botschaften und Ministerien projiziert. Die US-Botschaft, auf deren Terrasse ich kürzlich stand, gehörte dazu. Fotos unsere Projektion „NSA in da house“ gingen um die ganze Welt. 

Ich frage mich, wie der „Hochkommissar einer Besatzungsmacht“ reagiert hätte, der Grenell sein soll. Offenbar kann er als in der Demokratie aufgewachsener Amerikaner deutlich zwischen Meinungsfreiheit einerseits und grundlegenden gemeinsamen Werten andererseits unterscheiden.

Ich kenne auch einen der US-Marines, die ihre einsatzerprobte Ausrüstung in Griffweite in der Wache der US-Botschaft liegen haben. Das Arsenal an Sturmgewehren, Pistolen und Schrotflinten dort ist ziemlich beeindruckend. Aber auch diese heben kaum die Augenbraue, wenn der Pixelhelper-Wagen vor fährt und den Projektor anwirft. Niemand in der Botschaft reagierte gestresst, niemand war angespannt. Lediglich die Deutsche Polizei äußerte (ruhig und höflich) die Sorge, dass es die Beziehung belasten könnte. Kritik dürfte jeder Vertreter der USA lange gewohnt sein. Es kommt immer drauf an, wie man sie formuliert und wie man persönlich miteinander umgeht.

Wie kommt es also, dass ich die USA, die Trump-Administration und die NSA öffentlich kritisieren und dennoch freundlich mit Grenell sprechen kann? Weil wir uns auf Augenhöhe und mit Respekt begegnen und die Punkte besprechen. Und das ist, was viele der Journalisten, die undifferenziert über ihn berichten, nie getan haben.

Deutsche Wirtschaft bedroht?

Eines der großen Themen in den deutschen Medien waren die „Drohbriefe“, die er der deutschen Wirtschaft geschickt haben soll. Grenell hatte deutsche Unternehmen, die mit dem Iran Handel treiben, davor gewarnt. Die USA würden so etwas nicht akzeptieren und sich überlegen, ob sie die Vertreter dieser Unternehmen noch ins Land lassen oder mit ihnen geschäftlich zu tun haben wollen. Die Beißreflexe waren sofort da: „Wenn die USA uns etwas verbieten wollen, dann erst recht!“ dachte sich der eine oder andere. Aber warum sollte man diesen Briefen überhaupt Beachtung schenken? Wie man sein Unternehmen führt, entscheidet man immer noch selber. Und wenn man lieber mit dem Iran als den USA Handel treiben will, dann kann man das gerne tun. Das ist einfach eine Güterabwägung. Das muss jeder Kaufmann immer wieder machen.

Selbst wenn man den Kurs der USA falsch findet, muss ja nicht alles, was sie tun, falsch sein. Ob man mit dem Iran Handel treiben sollte oder nicht, ist völlig unabhängig von der Frage, was die USA davon halten. Entweder ist es richtig oder falsch. Leider gilt für die Bundesregierung in diesem Fall „erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Der Iran lässt Homosexuelle, Journalisten, Regimegegner und Rebellen ermorden. Ein großer Teil der Bevölkerung wird unterdrückt und ein fundamentalistischer Rat hat maßgeblich das Sagen im Land. Sie möchten Israel auslöschen und haben vergangenes Jahrmehrmals das Nachbarland (Kurdistan-Irak) bombardiert. Sollte man mit ihnen Handel treiben? Haben wir nicht eigene Regelungen und Gesetze, die uns vor unmoralischem und illegalemHandeln schützen? In den1980er Jahren half derdeutschen Industrielle Karl-Heinz Kolb dem irakischen Diktator Saddam Hussein bei der Produktion von Giftgas. Dieses Gas wurde in der Anfal-Operation gegen die Kurden eingesetzt. Im Rahmen dieses Genozids wurden laut Human Rights Watch von Februar bis September 1988 bis zu 100.000 Kurden systematisch ermordet.

Und natürlich hat sich die Bundesregierung um diesen Giftgas-Lieferanten gekümmert, ohne dass die USA einschreiten mussten. Karl-Heinz Kolb erhielt ein Bundesverdienstkreuz – und hat es bis heute. Es wurde ihm nicht entzogen. „Deutsche Wirtschaft zuerst“ galt aber auch schon früher. Berühmter als Kolb dürfte der Fall der Granatzünder nach Krupp-Patent sein, die sowohl von den Nazis als auch von den Briten gleichzeitig genutzt wurden.

Während der US-Botschafter im öffentlichen Kreuzfeuer steht, sitzen die Botschafter von Saudi-Arabien, Nord-Korea und Syrien abends gemütlich beim Essen und lachen sich ins Fäustchen. Sie haben der deutschen Wirtschaft keine „Drohbriefe“ geschrieben. Sie vertreten lediglich die schlimmsten Terrorregime unserer Zeit. Warum sollte man sie kritisieren? Der Kunde ist schließlich König!

Völkerfreundschaft

Gerade die Geschichte der BRD und der USA sind verwoben wie kaum eine andere. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es die USA, die gnädig waren. Statt einen riesigen Parkplatz aus Nazi-Deutschland zu machen, wurde beim Wiederaufbau geholfen. Es wurden in kürzester Zeit Milliarden zur Verfügung gestellt. Als West-Berlin abgeriegelt wurde, war es General Lucius Clay, der die Luftbrücke ermöglichte. Das ist die bis heute größte humanitäre Operation der Geschichte. Eine Rechnung dafür hat der Berliner Senat nie erhalten. 

Als Deutschland nach dem terroristischen Angriff auf das Olympische Dorf 1972 eine Spezialeinheit aufbauen wollte, waren es die USA, die zwischen Deutschland und Israel vermittelten. So kamen Ausbilder wie Dr. David Schiller zurück in die BRD und bildeten die Spezialeinheiten der Polizei aus. Alles Wissen über diese Bereiche ging nach dem Zweiten Weltkrieg verloren. Der Tod der israelischen Sportler zeigte schmerzlich, wie überfordert die Polizei damals mit solchen Situationen war. 

Und so sehr ich ein Problem mit der „Weltpolizei“-Agenda haben, so sehr habe ich doch selber davon profitiert. Mehrere Male haben wir in Kurdistan-Irak Aufklärung durch die CIA erhalten, wenn es um die Frage ging, ob man ein bestimmtes Gebiet befahren kann oder nicht. Mein Sicherheitsteam vom Nachrichtendienst Asayîş wurde von amerikanischen und israelischen Ausbildern trainiert und hat mich immer lebend zurück gebracht. War diese Hilfe nun gut oder schlecht?

Uns verbinden im Kern die gleichen Werte: Freiheit, Demokratie und wirtschaftliches Wachstum – auch wenn diese drei Punkte für mich sehr unterschiedlich zu gewichten sind und auch wenn die Auslegung in beiden Nationen weit auseinander gehen können. Umgekehrt eint uns mit dem Iran oder mit Russland eher weniger. Wieso schießt man sich also so gerne auf das Ziel USA ein? Es ist mir ein Rätsel.