Schüsse in Berlin – was tun?

Gestern gegen 17 Uhr ereignete sich eine Schießerei in der Urbanstraße in Berlin Kreuzberg. Ich war zufällig in der Nähe und als einer der ersten vor Ort. Was tut man in so einem Moment?

Es war Sonntag nachmittag, ich saß im Cafè Rizz, hatte gerade einen Burger verspeist und wartete auf den Nachtisch, als eine kurze Schussfolge zu hören war. In Berlin knallt es dauernd irgendwo. Knaller, Baustellen, Schreckschusspistolen. Das interessiert einen kaum. Ich war der Meinung, dass es hier aber nach einer Schusswaffe klang. Ich bin fast wöchentlich auf dem Schießstand, oft in Kriegsgebieten, ich müsste das raus hören können. Auf der anderen Seite denkt man sich “Jetzt wirst du paranoid – wer soll den hier schießen!?”. In der Sekunde, ich der ich drüber nachdachte, waren Schreie und weitere Schüsse zu hören. Da ist die Frage: Was tun? Normalerweise würde ich allen raten, so schnell wie möglich so weit wie möglich weg zu gehen. Um die Ecke, in das nächste Haus, was auch immer. Ich kann mit so Situationen gut umgehen, habe gelernt, Verletzte zu versorgen, ich könnte eine Hilfe für Opfer sein. Also rannte ich die Grimmstraße runter bis zur Ecke Urbanstraße. Dort standen Leute vor ihrem Haus, etwas aufgelöst, erschrocken – typisch eigentlich für so etwas. Die meisten Leute wissen halt nicht, was sie nun machen sollen und warten auf Anweisungen. Also habe ich ihnen welche gegeben: Ins Haus gehen und die beiden erschreckten Passanten mitnehmen!

Als ich um die Ecke kam lagen zwei Personen auf dem Boden, zwei standen daneben, einzelne Personen weiter weg. Alles unklar. Ob die beiden auf dem Boden verletzt wurden, miteinander kämpfen oder noch in Deckung liegen, ließ sich kaum sagen. Die Rolle der anderen beiden war auch nicht zu klären. Wenn jemand eine Schussverletzung hat, dann geht es um Minuten. Nach 1-2 Minuten “gehen die Lichter aus”, wie mein Ausbilder von Auriex sagte. Danach ein paar Minuten, bis die Person tot ist. Das liegt an dem massiven Blutverlust. In so Momenten ist es interessant, wie das Training im Kopf abgerufen wird: Lage überblicken, Gefahren identifizieren, Hilfe leisten. Lage? Unklar. Gefahren… eine Pistole lag auf dem Boden, eine Person auf dem Boden hatte einen großen Dolch in der Hand… aber niemand kämpfte um die Pistole. Das ist schon mal gut. Ich fragte einen der Männer, ob jemand getroffen wurde und bot Hilfe an. Dabei sah ich die Einschusslöcher in der Scheibe. Ein anderer Mann rief, der Täter sei flüchtig. Was macht dann die Pistole hier!? Ich fragte nochmal, ob jemand zu versorgen ist “Der wollte ihn umbringen! Gerade eben”. Alle sind aufgeregt, aber keine großen Blutmengen zu sehen. Nur ein kleiner Fleck auf der Hose, aber es läuft nichts nach. Also scheinbar keine ganz akute Lage. Ich wollte mich den beiden auf dem Boden vorsichtig nähern, um sicher zu gehen, dass niemand meine Hilfe braucht, inzwischen waren entfernt Sirenen zu hören. Im nächsten Moment stürmten zwei Polizisten über die Straße, Pistole im Anschlag – mit dem gleichen Problem wie ich eine Minute vorher. Nur dass nun noch eine Person mehr (ich) dort war.

Was für eine scheiß Situation. Theoretisch lernt man das bei der Polizei. Praktisch zu zweit in ein unklares Getümmel mit Schusswaffen und Umstehenden rennen ist etwas anderes. Der eine Polizist identifizierte im Rennen die Waffen, riss die Pistole an sich, in dem Moment kamen weitere Kräfte dazu. Alles lief ab wie im Lehrbuch und schnell wie im Action-Film. Bei all dem Schlechten, was über den Zustand der Polizei Berlin berichtet wird, eine herausragende Leistung.

Ich war inzwischen ein paar Schritte zurück gegangen, machte ein kurzes Foto von der Lage. Ich war davon ausgegangen, dass nun alles Gefährliche gelaufen ist und ich gefahrlos zwei Sekunden woanders hin gucken kann. Axel Lier fand später auf dem Foto unten links das Messer – wie es dahin kam, hatte ich nicht mitbekommen. Zeigt wieder: Keine Fotos machen – aufmerksam bleiben. Eine Polizistin mit Maschinenpistole sortierte schnell die Leute: Beteiligte, Zeugen, ich hatte meinen Presseausweis in der Hand, blieb vorerst auch dort. Ein Zeuge gab an, dass der Täter geflohen sei, er aber grob die Richtung wisse. Polizisten rannten los, die Grimmstraße hoch. Mir wurde später berichtet, dass sie den Grünstreifen in der Mitte kurz durchsucht haben – jedoch erfolglos. Im Sekundentakt kamen weitere Polizisten und ein Rettungswagen an. Der Mann auf dem Boden war festgenommen und gefesselt worden, ein Zeuge erklärte den Ablauf, eine Absperrung wurde errichtet. Da ich das eigentliche Geschehen nicht mitbekommen hatte, wurde ich auch hinter die Absperrung gebeten.

Der erste Moment zum Durchatmen: Niemand ist ernsthaft verletzt worden, die Polizei hat die Situation im Griff. Eine sehr verworrene Lage, aber es hätte so vieles so viel schlimmer kommen können. Da von mir keine weiteren Angaben gebraucht wurden und die Lage soweit klar war, verließ ich den Ort des Geschehens, um zu meinem Nachtisch zurückzukehren. Der war zu meiner Freude wieder abgeräumt und in den Kühlschrank gepackt worden. In Berlin ist man vieles gewohnt – auch dass jemand vorübergehend zu so einer Szene rennt. Unklar ist aber weiterhin, was genau dort geschehen war. Tagesspiegel und BZ haben Artikel dazu, die weiter aktualisiert werden.