So arbeiten, wie andere Urlaub machen

Kühlschrank mit Softdrinks und Bier, Kicker in der Ecke, bequeme Couches, Sitzecke, Tresen, wild aussehende Leute und vor 12 ist nicht viel los. Klingt, wie eine Kneipe, war aber Jahrelang mein Arbeitsplatz. Aus den großen Büros kam oft laute, schlechte Musik und Montags hat man mit den Fotos auf dem Handy gemeinsam versucht das Wochenende zu rekonstruieren. Und es war eines der schnellsten und besten Teams, in denen ich je gearbeitet habe. Das hat meine Idee von einem guten Team dun einem guten Büro nachhaltig geprägt. Aber das geht natürlich nicht in jeder Branche, nicht in jedem Job und nicht mit jedem Kollegen.

Wenn man sich aber sehr mit dem, was man den Tag lang tut, identifiziert, dann verschwimmen die Grenzen zwischen “Job” und “Privat” schnell. Ich kenne viele Leute, denen ihre “Work life Balance” sehr wichtig ist. So wichtig, dass sie exakte Pläne haben, wie sie das genau machen. Am Ende scheint mir, haben sie mehr mit der Verwaltung ihres Lebens zu tun, als mit dem Leben selber. Sie fragen dann auch welches Modell ich denn genau lebe, wie viel Prozent auf was ich aufwende usw. Das ist einfach. Ich lebe das “Enno” Modell und mache 100% der Zeit, wonach mir ist. Mit allen Konsequenzen. Aber ich weiss, was für mich einfach nicht Funktioniert. Dafür habe ich im Büro einen Dilbert Cartoon hängen:

Chef: “Du sollst doch Ideen haben!”
Angestellter: “Ich brüte mir schon das Gehirn raus!!!”
Chef: “Es gilt aber nicht, so lange es nicht weh tut!”
Angestellter: “Es tut weh – sehr sogar!”

Darin dürfte sich jeder wiedererkennen. Daneben hängen Fotos von mir. Mag selbstverliebt klingen, aber es motiviert mich immer wieder: 2002 habe ich einen Party-Zug gechartert, ich habe die coolste Hacker-Konferenz der Welt mitorganisiert (großes Team, ich nur einer von vielen), habe dierekt an der IS-Front mit den Opfern gesprochen, auf der Frankfurter Buchmesse auf dem Podium gesessen und über Urheberrecht gesprochen, in Hongkong Vorträge an der Uni gehalten, in Deutschland diverse Unternehmen aufgezogen und die größte Dokumentation über das NS-Regime aufgebaut. Cool. Ich habe noch ein zweites Büro, nur ein paar Kilometer weiter. Und doch arbeite ich oft von zuhause. Und was war jetzt Job und was nicht? Und was habe ich als Job gut gemacht, weil ich es vorher irgendwo anders gelernt habe? Das lässt sich gar nicht mehr auseinander rechnen.

Das heisst aber auch, dass es sich im Alltag überschneidet. Wenn ich am Flughafen in der Schlange stehe (und wahnsinnig werde, weil die Leute zum dämlich sind einfach geradeaus zu laufen!), dann beantworte ich Mails oder schreibe für die Berlin Story tolle Facebook posts, auf die ich gerade kam. Ab und zu sagen die Mitreisenden dann, das sei aber blöde, ich solle doch was mit ihnen machen, ihnen zuhören. Also packe ich das Handy weg – “Klar, erzähl was!”. Es folgt Stille. Wenn ihr nichts zu erzählen habt, ist euer Leben vielleicht einfach langweilig? – geht mir dann durch den Kopf. Aber so etwas sagt man ja nicht. Auch wenn wir alle wissen, dass es die Wahrheit ist. Also mache ich weiter und habe in 10 Minuten alles wesentliche Abgearbeitet und kann mich wieder über die langsame Schlange aufregen. Am liebsten stehe ich hinter den ganz gelackmeiersten Business-Hanseln. Die sind wenigstens schnell und meckern genau so wie ich – nur sehen sie dabei lustiger aus. Und sie meckern nicht, wenn man nebenher arbeitet. Wenn ich Unterwegs bin lese ich viel im Flugzeug, telefoniere im Auto auf dem Weg, beantworte Mails zu jeder Gelegenheit. Dann habe ich im Büro den Tisch frei und kann neues machen. Da meine Freunde es genauso machen, kommt es Teilweise zu bizarren Telefonaten. “Ich habe kaum Empfang, ich bin im Bunker” – “WASSS!? ICH SITZE IM PANZER UND HÖRE NICHTS. RUFE ZURÜCK”. Er hatte mich einfach aus versehen angerufen, wir waren gerade eigentlich mit anderem abgelenkt.

Auf der anderen Seite sitze ich manchmal im Büro und gucke FailArmy. Nichts finde ich lustiger, als wenn sich andere Leute aus Blödheit weh tun. Da lache ich ganz Laut und es ist mir nicht mal peinlich. Oder ich Spiele Supertux-Kart (Mariokart Clone) auf dem Fernseher, den ich eigentlich nur testen und ins Museum hängen wollte. Wenn man in den Momenten rein kommt, kann dann leicht der Eindruck entstehen, man würde da gar nicht arbeiten. Es gibt zwei Wege damit umzugehen: Funkkopfhörer und Tür zu oder Tür auf auf und Boxen an. Ich mache letzteres. Meine Kollegen kennen mich ja. Niemand hat Sorge, dass ich unterm Strich zu wenig tue.

IS-Front bei Tuz-Khurmatu. In der Rechten Hand hinter dem Geschütz: Das Handy mit der Videokonferenz mit den Kollegen

IS-Front bei Tuz-Khurmatu. In der Rechten Hand hinter dem Geschütz: Das Handy mit der Videokonferenz mit den Kollegen

Durch rund 20 Jahre Übung darin kann ich inzwischen auch überall arbeiten. Ich brauche eigentlich nur mein Handy. Optimal, wenn ich ein Notebook bei habe. Beides aus der Oberklasse, es muss alles funktionieren. All diese Faktoren und was drum rum ist sorgen aber immer wieder dafür, dass Leute das missverstehen: Neben dem teuren Handy habe ich ein älteres oberklasse Modell da liegen. Exakt gleich eingerichtet. Liegt einfach in der Schublade. Das sieht wie Verschwendung aus. Die Arbeit sieht nach Spaß aus. Immer wenn Freunde von mir ins Büro kommen, trinke ich Kaffee, gucke Videos, spiele was, kaufe eBay leer. Aber mal andersrum: Was sollte ich sonst tun? Wenn ich gerade arbeiten würde, hätte ich ja keine Zeit Freunde zu empfangen.

Oft sitze ich aber auch den ganzen morgen zuhause, sehe Fern und lese Nachrichten. Das sieht auch eher wie Freizeit aus. Aber zurück zu dem Dilbert Comic von oben: Wenn man auf die weiße Wand starrt und auf Teufel komm raus eine Idee braucht, dann passiert nichts. Wenn ich andere Sachen lese und sehe, dann habe ich oft schlechte halbgare Ideen. Aber die schicke ich den Kollegen, die daraus gute machen. Die sitzen wiederum im Büro, weil das für sie einfacher ist. Das verstehe ich gut, für sie ist es ein Job und sie gehen danach wieder nach Hause. Meine Kollegen meist ohne komplizierten Work-life-balance-Plan, sondern halt normal. Ich komme dann, wenn sie fast gehen, bleibe und bleibe bis spät. Und Während meine Freunde ihre Wochenenden frei haben, plus Feiertage plus 4-6 Wochen Urlaub, verbringe ich halt viel viieeelll vieeeeeellll Zeit im Büro. Im Vergangene Jahr hatte ich z.B. 20 Tage frei gemacht (also Wochenenden und Feiertage eingerechnet). Ich hätte auch einfach mehr Urlaub machen können. Aber es macht mir einfach Spaß. Ich bin sehr gerne da.

Wenn mir dann Leute sagen “woahh, so will ich auch arbeiten”, dann kann ich ihnen nur sagen: Lass es! Das ist wie bei jeder großen Leistung, es sieht nur einfach aus, wenn es ein Profi macht. Für einen Amateur ist das nichts. Mit der Aussage kann ich dann auch direkt testen, wie Humorfest die Leute sind 😉

Ich kann kaum sagen ob das eine oder das andere besser ist. Aber unterm Strich passt es bei mir im Büro ganz gut, weil wir von beidem etwas haben und so unterm Strich alles gut abgedeckt ist.

1 Kommentar zu "So arbeiten, wie andere Urlaub machen"

  1. Rition Smith | 22.11.2017 um 19:52 | Antworten

    Du bist ein ganz toller Hecht.

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