Unternehmer kennen keine Kinderarmut

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Unternehmer werden mit dem goldenen Löffel im Mund geboren, haben ein unendliches Konto und werden von Politikern hofiert, wann immer sie wollen. Was denn sonst!? Nun, mein Leben war da irgendwie anders.

Groß geworden bin ich in Ruanda. Wir haben in Mukoma gewohnt, einem Dorf mit 200 Einwohnern. Spart euch die Suche, das Dorf gibt es seit dem Genozid nicht mehr. Die einzigen bekannten Überlebenden hatten sich selber eingegraben. Nachdem wir wieder in Deutschland waren, hatten sich meine Eltern getrennt. Meine Mutter war alleinerziehende Studentin mit drei Kindern. Meinen Vater habe ich vor allem an den Wochenenden und in den Ferien gesehen. Reich war er. Aber nur an Erfahrung, nicht an Geld. Sein höchster formal qualifizierter Abschluss ist die Berechtigung, Flurförderfahrzeuge zu fahren – oder kurz: Gabelstapler. Das Geld für die Zugfahrt von Bochum (Mutter) nach Münster (Vater) war trotz des Rabattes für kinderreiche Familien ein Vermögen. Neun Mark pro Strecke. Sonntags gab es Brötchen vom Vortrag. Die konnte man beim Bäcker in großen Tüten billig kaufen und sie mit ein bisschen Wasser anfeuchten und wieder aufbacken. Da ich das jüngste Kind war, trug ich oft die Kleidung der größeren Geschwister. Soziale Probleme im näheren Umfeld gab es dadurch nicht. Wir wohnten in der Hustadt in Bochum, dem sozialen Brennpunkt der Region. Da hatte man keine Probleme – man machte den anderen nur welche!

Tiere füttern in Ruanda

Das soll keine zu Tränen rührende Geschichte werden, sondern einfach grob erklären, wie es aussah. Ich hatte da auch nie Kummer mit, da das Thema Armut oder soziale Ungleichheit in dem Sinne nicht vorkam. Meine Eltern haben mir immer vermittelt, dass ich ein guter Mensch sein soll, dass ich anderen helfen muss und dass Bildung ein wichtiges Gut ist. All das hat nichts mit Geld oder dem Umfeld zu tun. Ich hing viel in der Stadtbibliothek rum und habe Bücher, wie den Fischer Weltalmanach geliebt. Und ich habe mir gerne Cola und Brause in den Mund gekippt, bis es wieder aus der Nase flog. Das kann man beides bequem in einem Leben unterbringen.

Ich habe mich kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag selbständig gemacht. Ich war in der Oberstufe, habe auf einer Gesamtschule Abi gemacht. Aber das war mir zum einen nicht genug, zum anderen brauchte ich Geld. Meine Eltern konnten mir weder Handy noch Urlaub oder den Führerschein bezahlen. Und ich wäre auch nie auf die Idee gekommen, sie danach zu fragen. Es gab ein Zimmer, Essen, Internet. Warum sollten sie für meine Luxussorgen aufkommen!?

Ich habe IT-Beratung gemacht, einfache Homepages gebaut, kleinen Unternehmen erklärt, welche Handyverträge für sie sinnvoll sind usw. Ich hörte schon damals oft „ja, wenn man das kann, ist es ja einfach„. Nun kommen wir zum großen Geheimnis: Ich konnte es vorher nicht. Ich musste das lernen, wie jeder andere Mensch. Der Unterschied ist nur: Ich habe das auch getan! Jeden verfickten Abend. Jedes Wochenende. Eigentlich immer. Bis ich es konnte. Ich verstehe total, dass nicht alle Leute Lust auf so etwas haben. Aber ich habe auch keine Lust, mir meine Leistung kleinreden zu lassen.

Stolz im neuen Büro am Engelbecken

Ich habe während meiner zwei unvollständigen Studiengänge damit weiter gemacht und bin schließlich über Umwege Geschäftsführer beim Unternehmen eines Freundes geworden. Danach hatte ich wieder eigene Unternehmen: Souvenirs ausdenken, produzieren, importieren, Großhandel, Einzelhandel. „Na, wenn man das kann, dann ist es ja einfach.“ – das kannte ich bereits. Auch das „wenn man das Geld dafür hat“. Das Geld habe ich gehabt, weil ich jedes Jahr 330-350 Tage gearbeitet habe. Ein normaler Angestellter arbeitet ca. 225 Tage im Jahr. Ich bin vielleicht eine Woche im Jahr im Urlaub gewesen, hatte meist kein Auto, eine einfache Wohnung usw. Auch als ich bereits Souvenirproduzent und -händler war und einen Verlag hatte, war ein Besucher überrascht, dass ich eine 50qm Wohnung in einer Nebenstraße im Wedding hatte.  Aber reicht doch!?

Als Kriegsberichterstatter in Kurdistan 

Auf der anderen Seite hatte ich mir so die Freiheit herausgearbeitet, den wenigen „Urlaub“ in Krisengebieten zu verbringen und Leuten zu helfen, denen es richtig dreckig geht. Das sehe ich als selbstverständlich an. Ich kann es mir finanziell, psychisch und physisch leisten, also mache ich es. Seit Jahren bin ich regelmäßig in Kurdistan (Irak) und unterstütze Hilfsprojekte und berichte von dort.

Sozusagen nebenher, als Ehrenamt vor Ort, habe ich das Berlin Story Museum und die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ im Berlin Story Bunker mit aufgebaut.

So habe ich rund zehn Jahre gearbeitet und gelebt. Nicht, weil ich es musste, sondern weil ich richtig Spaß dran hatte. Ich habe großartige Dinge aufgebaut, ich habe Dutzenden Leuten gute Jobs gegeben und ich habe nie einen befristeten Arbeitsvertrag ausgestellt oder in Scheinselbständigkeit o.ä. beschäftigt. Ich kann gut mit allen (Ex-) Kollegen sprechen.

Aber worauf will ich hinaus?

Vor einigen Tagen war ich auf einer Party, bei der sich Leute über Kinderarmut, Aufstiegschancen und ähnliches unterhalten haben. Ein wichtiges, trauriges, interessantes Thema. Ich wollte meine Erfahrungen aus der armen Zeit einbringen, wurde aber sofort abgeblockt: Als Unternehmer kann ich da nichts zu sagen. Unternehmer sind reich (finde ich auch immer wieder eine steile These, warum werden dann nicht alle Unternehmer!?),  waren immer reich, werden immer reich sein. Außerdem sind Unternehmer Ausbeuter, sonst wären sie ja nicht reich. Also schaffe ich dieser Logik nach Kinderarmut, kann aber selber nichts zu sagen. Auch nicht zu Aufstiegschancen, denn: Ich habe es ja geschafft. Man kann aber nur drüber reden, wenn einem diese Chance nicht gegeben war.

Das erklärten mir drei Leute, die alle Arbeiter oder Angestellte als Eltern hatten, die zu wenig verdienen, um ihnen ein Studium zu finanzieren. Daher erhalten sie Bafög. Man könnte also auch sagen, dass sie ein Beispiel für die Chance sind, die viele hier im Lande erhalten. Aber sie sind halt keine Unternehmer – falscher Vergleich.

Auch wenn dieser Fall besonders traurig war, fällt mir das immer wieder auf. Ich bin Unternehmer geworden, weil ich meine Ideen verwirklichen wollte, weil ich ausschlafen wollte und weil ich es irgendwie konnte. Ich hatte eine Chance, ich habe sie genutzt. Hätte ich sie nicht genutzt, müsste ich mir weniger Geheule von Fremden anhören. So ist die Welt nun mal – ich habe mich dran gewöhnt.