Urlaub in Kurdistan

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Ich reise seit 2011 regelmäßig nach Kurdistan (Irak) und kann es nur empfehlen. Ich habe Videos von den Shoppingmalls, Freizeitparks und Spa-Resorts gedreht und drüber geschrieben. Auch, dass es dort keinen Krieg gibt. Die häufigste Frage dazu „ja, aber da ist ja Krieg und alles kaputt oder?“ – Ja. Aber ich habe dem IS gesagt „Ey, könnt ihr alle mal Pause vom Krieg machen? Ich muss eben ein Fake-Video für Facebook drehen – und baut bitte das Hotel dahinten schnell nochmal auf“. Mir liegt auch immer auf den Lippen zu sagen: „Die Leute laufen dort aufrecht, können sitzen und sprechen und wissen, wie man Werkzeuge mit den Händen benutzt.“ – aber hilfreich ist das nicht. Also wie macht man Urlaub in Kurdistan? Hier mal die best pratice Erfahrung von mir.

Kurdistan ist nicht Irak

Zunächst die gute Nachricht: Kurdistan ist nicht der Irak – oder nicht ganz. Im Detail ist das komplizierter. Beim Wort „Irak“ denken viele Menschen an eine zerbombte Mondlandschaft. In der Türkei wütet Erdogan, in Syrien Assad und Iran… ja da war doch auch irgendwie was mit. Und in der Mitte davon, im Norden des Irak, liegt die friedliche und ziemlich freie Autonome Region Kurdistan.

Dort gibt es eine eigene Regierung mit eigenem Parlament, eine eigene Polizei, eine eigene Armee und (jetzt wird’s spannend) eigene Visa! Man braucht sich nicht mit der irakischen Botschaft rumärgern, sondern kann als deutscher Staatsbürger einfach rüber fliegen und erhält den Stempel bei der Einreise.

Vorher planen

Es macht Sinn, sich vorher zu überlegen wo man hin will und was man sehen will – muss man aber nicht, da man auch vor Ort sehr flexibel sein kann. Man kann Couchsurfing machen oder in Hotels (günstig bis Luxus pur) unterkommen. Eine wichtige Frage ist, ob man dort Auto fahren will. Ich hatte da kein Problem mit, bin aber auch Berlin und Paris gewohnt und habe kein Problem damit, auf dem gegnüberliegenden Standstreifen zu fahren, wenn es nötig ist. Sonst kann man mit Bussen von Stadt zu Stadt fahren und in der Stadt günstig Taxi fahren. Man kann sich auch von Taxis weite Strecken (mehrere Stunden) fahren lassen.

Nach Kurdistan fliegen

Von allen großen Flughäfen kann man mehrmals pro Woche, oft sogar täglich, nach Erbil fliegen. Die Verbindungen über Istanbul sind oft günstig, ansonsten gibt es auch Direktflüge – oft aber zu später Stunde. Die Flüge kosten hin und zurück zwischen 300€ und 1000€. Wenn man kein Auto am Flughafen mietet, ergibt es Sinn, sich abholen zu lassen. Die Flughafentaxis sind relativ teuer. Hotels bieten eigentlich immer einen günstigen Transfer an und man muss dem Fahrer nichts erklären.

Kommunikation in Kurdistan

Die Leute sind sehr freundlich und offen. Auch wenn man keine gemeinsame Sprache findet, stellt sich niemand blöde an. Oft sprechen die Menschen englisch –ähnlich wie hier von schlecht bis gut. Seltener sprechen Menschen auch deutsch. Häufig Flüchtlinge, die zu Saddams Zeiten in Deutschland waren und später wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Ich habe mein Ziel im Zweifel auf Google Maps gezeigt. Der Taxifahrer kann dann gucken, ob er etwas drum herum kennt oder man macht auf dem Handy die Navigation an. Straßen haben dort nur selten Namen. Hausnummer gibt’s es ebenfalls fast nie.

Städte können verschiedene Schreibweisen und andere kurdische Namen haben. So kann die Hauptstadt Erbil, Arbil, Irbil oder Hawler heißen. Die „zweite Hauptstadt“ Sulaimaniyya, Slemani, Silemani oder as-Sulaimaniya. Man gewöhnt sich auch daran. Findet man einen Ort nicht sofort auf der Karte, sollte man also einfach nach mehr oder minder ähnlich klingenden Orten suchen. 

Mobiles Internet in Kurdistan

Mobiles Internet kann man am einfachsten vom Anbieter FastLink erhalten. Damit hat man eine gute LTE-Abdeckung und es gibt verschiedene Volumentarife ab ca. 20€, aber keine Telefonie. Wenn man eher telefonieren will und kein schnelles Internet braucht, bietet sich Korek an. Dort gibt es „nur“ 3G/UMTS Internet, dafür auch Telefonie. In den Hotels und größeren Cafes und Restaurants gibt es meist WiFi.

Geld wechseln oder abheben

In den größeren Hotels und Restaurants kann man mit Kreditkarten zahlen. An Tankstellen fast nie. Daher empfiehlt es sich, immer Bargeld mitzunehmen. Man kann es meist in den Hotels tauschen, im Stadtzentrum bei Geldhändlern oder einfach in den Shoppingmalls am Automaten ziehen.

Hotels und Spa-Resorts

Es gibt saubere Hotels, die im Prinzip aus einem Bett und einer kombinierten Dusch-Toilette bestehen für 25€ pro Nacht und Hotels, etwa wie ein Ibis, für ca. 50-80€ pro Nacht. Man kann aber auch in Spa-Resorts oder richtige Luxushotels gehen. Ich war in meinem Leben in mehr als vierzig Ländern, aber ich habe keine luxuriöseren Hotels gesehen, als in Kurdistan. Wer lieber Kontakt mit den Leuten vor Ort pflegen will, kann auch gut Couchsurfen. Das geht sogar spontan vor Ort gut.

Auto, Taxi, Bus

Mit dem Leihwagen fahren ist ein Erlebnis. Eng, schnell, laut, anstrengend, aber irgendwie auch spannend, wenn man es übersteht. Ein bisschen, wie auf dem Motorrad sitzen, wenn ein Gorilla fährt. Taxi fahren ist nicht weniger spannend, aber man kann entspannt daneben sitzen. Man zahlt als Tourist, ohne zu verhandeln, durchaus mehr, als die Einheimischen, aber immer noch moderate Preise. Für 30 Minuten durch die Stadt waren es oft weniger als fünf Euro. Sicherheitsgurte gibt es in Taxis selten.

Zwischen den größeren Orten fahren auch sehr günstige Überlandbusse. Diese brauchen einige Zeit, aber sie sind zuverlässig und man lernt Leute kennen.

Checkpoints der Peschmerga
Checkpoints der Peschmerga

Was kann man dort unternehmen?

Es ist zu viel. Aber die Seite des kurdischen Tourismusministeriums hat ein paar gute Tipps. Ich kann neben der Zitadelle in Erbil natürlich die historisch wichtigen Museen empfehlen: 

Sicherheitslage in Kurdistan

Ich wohne in Berlin und habe hier deutlich mehr Sorge vor den Leuten da draußen, als in Kurdistan. Taschendiebstähle oder ähnliches habe ich dort nie erlebt, es gibt keine betrunkenen, grölenden Leute und auch keine Leute, die einen aus Prinzip nerven wollen. Auf den Überlandstraßen und vor den Städten passiert man militärische Checkpoints. Wenn man keine gemeinsame Sprache findet, reicht es meist den Pass zu zeigen und zu sagen, wo man hin will. In seltenen Fällen wird das Auto grob durchsucht. Sollten die Leute gestikulieren, dass man dort nicht lang soll, dann hat das meist einen Grund und man kann ihnen glauben.

Fährt man zurück zum Flughafen, so muss man das Auto bereits 500 Meter vorher stehen lassen und nach einer Sicherheitskontrolle ein Shuttle nehmen. Man sollte sich dabei nicht davon irritieren lassen, dass der Flughafen von schwer bewaffneten Soldaten gesichert ist und Hunde das Auto durchsuchen. Selbst dabei haben die Peschmerga, die einen kontrollieren, meist gute Laune und es geht relativ schnell. 

Durch die vielen (vor)kontrollen kann es aber durchaus eine Stunde dauern, bis man von der Einfahrt des Flughafens bis zum Check-In gekommen ist. Man sollte die Zeit also großzügig planen. Im Flughafen gibt es einfaches Essen, wie Pizza und Kuchen und genug Platz zum warten. 

Ist noch Krieg?

Ja und nein. Selbst, als der Krieg gegen den IS lief, konnte man in den großen Städten( Dohuk, Erbil, Sulaymannia) in die Freizeitparks, Shoppingmalls oder auf den Bazar gehen. Alles lief ganz normal, der Krieg fand wo anders statt. Auch jetzt sind die Konflikte in der Türkei, Syrien und mit den verbliebenen IS-Leuten und schiitischen Milizen nur einige Autostunden entfernt. Aber genau dort bleiben sie auch. In sofern kann man das getrost ignorieren.

Man sieht bei den Fahrten über das Land immer wieder Flüchtlingscamps. Diese taugen nicht als Ausflugsziel, da sie keine Zoos sind. Wenn man ein solches Camp aus Interesse an der Lage dort besuchen möchte, sollte man vorher Kontakt zu den Organisationen aufnehmen, die sie betreiben. Zum Beispiel UNHCR oder Barzani Charity Foundation.

Ein Beispiel

Erbil, Dohuk, durch die Berge nach Rawanduz, Sulaymanniya, Halabja, Dokan

Ein konkretes Beispiel für eine Woche mit eigenem Auto oder Fahrer könnte diese Route sein, die ich im Oktober 2018 genommen habe. Nach der Landung in Erbil kann man dort noch den Rest des Tages bleiben um am nächsten Tag nach Dohuk fahren. Dort kann man den Tag lang den Basar und den Staudamm ansehen und abends auf den Berg südlich der Stadt fahren. Während man die Stadt überblickt kann man Wasserpfeife rauchen oder lokale Snacks genießen.

Von dort aus geht es durch die Berge zum kleinen Freizeitpark in Rawanduz. Die Strecke ist relativ lang und es wird früh dunkel. Früh starten lohnt sich. Der Blick über die Landschaft, die Karl May als das „Wilde Kurdistan“ beschreibt ist unglaublich. Wir mussten etliche Male anhalten um Fotos von Bergen, Ziegen oder alten Häusern zu machen. Bei gutem Wetter sieht man vom Freizeitpark aus auf dem Berg gegenüber eine „Sternwarte“, die verdächtig wie eine Abhörstation Richtung Iran aussieht. Von dort aus geht es weiter nach Sulaimaniyya. 

Sulaimaniyya ist die „Zweite Hauptstadt“ Kurdistans und eine Millionenstadt und man sollte wenigstes Zwei Übernachtungen hier planen. Neben dem Basar kann man hier den Freizeitpark „Chaviland“ besuchen, welcher eine Seilbahn auf den Berg anbietet. Auf dem Berg gibt es ein Restaurant, von dem aus man die ganze Stadt überblickt. Nicht verpassen sollte man auch das Museum über den Kampf gegen den IS sowie das ehemalige Foltergefängnis von Saddam

Der nächste Stopp ist Halabja, kurz vor der iranischen Grenze. Dieser Ort erlangte traurige Berühmtheit, nachdem Saddam den Ort mit Giftgas bombardierte. Das Giftgasprogramm entstand mit deutscher Hilfe. Im Halabja Monument wird die Geschichte erzählt. Von hier aus kann man den Weg an den Lake Dokan antreten.

Wer Fisch mag, wird am Lake Dokan fündig. Direkt am See gibt es ein Spa-Resort mit Pool und Jetski verleih, direkt daneben kann man einfach am fast unberührten Ufer des Sees sitzen und den Sonnenuntergang beobachten. 

Die letzte Fahrt führt zurück nach Erbil. Hier kann man zwischen einem Tag und eine Woche verbringen. Die Zitadelle im Stadtzentrum ist das älteste durchgehend bewohnte Gebäude der Welt, der Basar daneben ist riesig. Es gibt etliche Museen und den Biergarten „Deutscher Hof“. 

Und nun?

Für eine Woche alleine würde ich ca. 1.000€ einplanen. Eine zweite Woche oder zweite Person ist dann wesentlich günstiger. In Kurdistan findet man das, was alle wollen: Den Geheimtipp, der noch nicht überlaufen ist und wo noch niemand war. Es liegt in der Natur der Sache, dass man das nicht im Prospekt des Reiseunternehmens findet.

Wenn ihr weitere Fragen dazu habt, fragt mich einfach: Auf Twitter, Facebook oder per Mail

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