Wa are Museums Konferenz in Marrakesch

Argumented Reality Dino by ShoutrLabs Berlin

In Marrakesch fand mit “We Are Museums” die bedeutendste Konferenz zu diesem Thema statt. Ich war vom Goethe-Institut Rabat eingeladen worden, um über private Museen zu sprechen. In Marokko bleiben die Autos an roten Ampeln stehen, es gibt Anschnallgurte und maximal drei Personen auf einem Moped. Alles in allem also ein viel zivilisierterer Straßenverkehr, als in vielen, weiter südlich liegenden Ländern des Kontinents. Auf den Mopeds sieht man oft junge, geschminkte Frauen, aber auch alte Männer und zwischen den Mopeds Eselskarren. Die Menschen sind offen und aufgeschlossen, fast jeder spricht Englisch. Kurzum: Hier kann man es gut aushalten.

Außer den Teilnehmern des DDR-Museums kannte ich niemanden auf der Konferenz, was auf solchen Events aber meist kein Problem ist. Das anstehende Programm hatte mich halb überzeugt: Es gab jeden Abend mindestens einen Empfang, eine Party oder eine Galerie zu sehen – man konnte also gut socializen. Auf der anderen Seite war das Vortragsprogramm für mich eher uninteressant. Das ist aber auf fast allen Konferenzen so. Wenn ich die Paper der Leute eh auf deren Homepage finde, oder der Vortrag aufgezeichnet wird, lohnt sich für mich die physikalische Anwesenheit dort nicht. Und jemand bekannten zu sehen als Selbstzweck, hat sich mir nie erschlossen. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage: Wieso sollte dann jemand der anderen zu meinem Vortrag kommen? Das klärte sich schon am ersten Abend.

CM Galerie

Comptoir des Mines Galerie

In Marrakesch haben viele Museen Kunstausstellungen oder beteiligen sich an welchen. Am ersten Abend durften wir im Mövenpick gutes Essen und viel Kunst genießen. Man stellte sich vor, viele kannten sich bereits. Wenn ich erzählte, dass wir die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“ komplett privat aufgebaut haben, ergaben sich fast immer die gleichen drei Fragen: Warum? Wer hat das gefördert? Wie ist dein Job-Titel? Das sind drei Fragen, die in meiner Welt eigentlich nie vorkommen – in dieser Museumswelt aber die entscheidenden sind. Die Antworten „weil ich es kann“, „selber bezahlt“ und „habe ich gar nicht“ machten das Problem meist größer statt kleiner. „Selber bezahlen“ ist in dieser Branche etwa so häufig wie freiwillige Meldungen zum Badezimmer putzen. Mit ganz wenigen Ausnahmen sind es staatliche geförderte Projekte mit großem Verwaltungsoverhead und sehr langen Prozessen. Viele unterhielten sich über ihre Projekte für 2020 und später. Und ich wusste noch nicht mal, was ich am nächsten Tag machen wollte.

We have a message

We have a message

Auf der anderen Seite waren die Leute auch sehr daran interessiert, wie das genau geht. Was aber keine Ruhe ließ, war der Job-Titel. Ist es nun Inhaber, Kurator, Aufsichtsrat, Beirat? Mir wurde es von einem Teilnehmer sehr einfach erklärt „Wenn man hier anfängt, gibt oft kaum Geld. Also bekommt man einen tollen Job-Titel wie ‚Junior Kurator‘ oder so um das zu kompensieren“. Das kann ich mir vorstellen, kann aber nicht nachvollziehen, warum einem das so wichtig ist.

Unklar, was mich erwarten würde, ließ ich den ersten Abend seicht angehen, war früh im Hotel und freute mich über die exzellente Organisation des Events. Jeden Abend erwartete mich eine Email, in der genau stand, was ich am kommenden Tag machen muss, wann ich wo sein muss und ob es ein Taxi, Shuttle Bus oder nichts dergleichen gibt. Dazu gab es optional zwei WhatsApp Gruppen: Eine für die Speaker und eine für alle. Solche Gruppen laufen schnell aus dem Ruder, wenn jemand die Smiley-Taste findet und sich nicht beherrschen kann. Hier war es anders „Wir sind noch in der Sinatra-Bar, falls jemand dazu kommen will“ oder „Habe diesen blauen Pulli gefunden“ waren die Dinge die dort durchgingen. Also sehr angenehm. Ab und zu ein (wirklich) sinnvolles oder interessantes Foto von irgendetwas, was gerade stattfindet.

Der größte Teil der Veranstaltungen fand in der ESAV-Kunsthochschule statt. Ein tolles, offenes Gebäude, in dem gleichzeitig Veranstaltungen der Studenten stattfanden, so dass man mit diesen einfach in Kontakt kam. Der Hauptsaal hatte 400 Sitzplätze, die auch regelmäßig gefüllt waren, die Vorträge dort wurden aufgezeichnet und das WiFi war stabil. Auf einer Veranstaltung, bei der es um viel Kommunikation geht durchaus wichtig. Ich kannte nur einen Bruchteil der Speaker und konnte mit vielen der Schlagwörter nicht viel anfangen. Das sehe ich immer als Vorteil, weil man so schnell sehen kann, wo eine Buzzword-Bingo-Schlacht stattfindet und wo es um Inhalte geht. Hier waren es durchgehend gute Inhalte – ich war positiv überrascht. Dennoch boten mir die meisten Vorträge keinen Mehrwert, da sie einfach am Leben vorbeilaufen. Weder sind Kunst-Trends für mich wichtig, noch finde ich es einen neuen Ansatz, mit Zeitzeugen selber zu sprechen. Das „Konservieren von Audiovisuellen eindrücken“ nenne ich einfach „Video machen“ und ist mir nicht fremd.

Michael Geitner vom DDR-Museum begann einen Vortrag mit Bildern der Kinder-Comic Figur “Pepper Pig”. Dieses Comic-Schweinchen war in zwei Episoden, die im Abstand mehrerer Jahre ausgestrahlt wurden, in einem Museum. Der Museumsbesuch des Comic-Schweins war im Laufe der Jahre deutlich anders geworden. Zum Beispiel gab es früher ein Cafe am Ende des Museums, heute einen Souvenirshop. Früher gab es eine Führung, heute “Hands-on” Bereiche und einen AudioGuide. So etwas, also die mediale Rezeption, finde ich durchaus interessant, wenn man zügig auf den Punkt kommt. Auch war er sich nicht zu schade, begründete schlechte Online-Bewertungen zu zeigen und zu erklären, wie man damit umgegangen ist. Das klingt simpel, sieht man aber wirklich selten.

Das wichtigere für mich war natürlich der Kontakt zu den anderen Menschen. Und so saß ich oft stundenlang auf der sonnigen Terrasse und sprach mit allen, die vorbei kamen. Und da tat sich auf wieder diese Kluft auf: Nette Leute, interessante Projekte, schöne Zeit gehabt – Aber für meinen Alltag im Berlin Story Bunker eigentlich nichts bei, was ich wirklich mitnehmen kann. Und ich frage mich die ganze Zeit: Warum ist das so? Warum leben wir in so verschiedenen Welten? Vielleicht ein Thema, für den nächsten Vortrag.

Katze auf dem Moped

Katze auf dem Moped

Aber das hatte ich bereits so erwartet und war um so mehr vom Rahmenprogramm begeistert. Wir haben nicht einfach irgendwo ein Buffet bekommen oder Bilder angesehen, wir haben in den wichtigsten Ausstellungen der Stadt mit den Geldgebern, Galeristen, Kuratoren den Abend verbracht und sie und ihre Ideen kennen gelernt. Im Laufe der drei Tage lernte ich die Kollektion vom Mövenpick kennen, das Yves Saint Laurent Museum, das Macaal, Comptoir des Mines Galerie, Es Saadi und einige mehr.

Das Macaal ist interessant, weil es auf einem Golfplatz liegt und den Verdacht nahelegt, dass es aus Sicht des Investors mehr der Wertsteigerung der Immobilie dient, als dem Ausstellen von Kunst. Einer der Nachbarn ist François Hollande – jedoch war er an diesem Abend nicht da. Die CM-Galerie liegt mitten in der Stadt und hat eine Dachterrasse, die mit roten Teppichen ausgelegt ist. Hier hatten wir einige Treffen mit dem Galeristen, der Geldgeberin, den Künstlern und den anderen Mitarbeitern des Hausen. Dort hielt ich auch meinen Vortrag über die Dokumentation „Hitler – wie konnte es geschehen“. Wobei es nicht um die Dokumentation selber ging, sondern um das „Making of“. Vor mir hatte der berühmte Museumsplaner Alexandre Colliex gesprochen, was die Messlatte natürlich auf ein hohes Niveau legte. Da abzusehen war, dass ich viele Fragen ergeben würde, war der Vortrag auf 50% der Zeit angesetzt, der Rest dann für die Diskussion. Am Ende reichte selbst das nicht, aber wir verlegten die Fragerunde dann auf die gegenüber liegende Dachterrasse des Coworking Space “The Spot” da es dort für alle weiterging. Die Fragen bezogen sich vor allem auf meine Ausbildung, die Materialsammlung und das Team. Das Planungsteam für das ganze Projekt besteht weiterhin aus zwei Personen, das Kernteam des Bunkers aus einer weiteren. Alle ohne richtigen Jobtitel, alle ohne eine Ausbildung aus diesem Bereich, alle exzellent in dem, was sie tun.

Die Fünf Tage in Marrakesch vergingen wie im Flug und die Konferenz war viel interessanter, lustiger und entspannter, als ich es mir vorstellen konnte. Am Ende gehe ich mit 120 Visitenkarten nach Hause und habe viel darüber gelernt, wie andere Museen funktionieren. Und warum ich lieber bei meinem Erfolgsrezept bleibe.

[Zum Titelbild: Der Argumented Reality Dinosaurier der ShoutrLabs „frisst“ mich in der Es Saadi Gallerie]

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