Warum ich mit der Bild kooperiere

Die Bild, das Drecksblatt der Nation, der Abschaum des Journalismus – ihr kennt das alles. Da stimmen mir direkt viele zu. Lange hat das Blatt viel für diesen Ruf getan. Und die Mitarbeiter dort haben damit leben gelernt. Warum also sollte ich sie auch nur mit der Kneifzange anfassen? Ganz einfach, weil da auch gute Journalisten arbeiten, die mir immer wieder helfen. Und sie könnten ihren Job bei keiner anderen Zeitung machen, weil denen die Risikobereitschaft und das Geld fehlt. Das mag erstmal überraschend klingen, aber ich möchte euch meine Messlatte erklären:

Die anderen

Ich habe im Blogpost “Desinteresse statt Lügenpresse” und “Irritiere mich nicht mit Fakten” über meine Dissension mit Journalisten von großen deutschen Medien berichtet. Wenn ich sie kontaktiert habe, weil sie falsche Fakten in ihren Artikeln hatten, kam als Antwort oft sinngemäß „Ich bin der ‚richtige‘ Journalist, ich habe von meinem Büro aus Recht. Egal, was du vor Ort selber gesehen hast!“. Das lässt einen resignieren. Und wir reden hier nicht von Details oder Auslegungen. Es geht z.B. darum einem Politiker einen anderen, falschen Namen zu geben. Auf meinen Einwand hieß es „Der Name ist aber nicht relevant“. In einem anderen Fall wurden die fake-Geschichten „Peschmerga haben die Waffen der Bundeswehr verkauft“ oder „Peschmerga sprengen die arabischen Häuser“ wieder ausgebuddelt. Auf meinen Einwand, dass beides so nie passiert ist hies es „habe ich ja gar nicht recherchiert – aber andere haben das auch geschrieben, damit stimmt es“.

Freie Journalisten

Das klingt alles nach dem, was man eigentlich der Bild nachsagt. Es klingt nicht nach seriösen Medien. Kritikfähigkeit gibt es quasi nicht mehr, die Journalisten, die selber nie vor Ort waren, nehmen immer eine totale Abwehrhaltung ein, wenn man sie fragt. Das Gegenteil erlebe ich mit fast allen Journalisten, die vor Ort waren. Das sind meist freie Journalisten oder welche aus dem Ausland. Die unterhalten sich meist gerne über das, was der jeweils andere gesehen hat, wen man kennt, wo man Kontakte hat. Von einer deutschen Zeitung festangestellte Journalisten sieht man selten. Die Zeitungen haben mal gar kein Interesse an den Details, mal zu viel Angst um ihre Leute und mal fehlt ihnen schlichtweg das Geld. Man muss durchaus zwei bis vier Wochen vor Ort sein, um die Kontakte zu aktivieren und eine sinnvolle Story zu bringen. Nun aber zur Bild.

Bei der Bild

Als ich 2013 das erste mal in einem Flüchtlingscamp in Kurdistan (Irak) war mailte mich ein Bild-Mitarbeiter an, und fragte was ich genau gesehen und erlebt habe, und hatte ein paar Detailfragen. Alles sinnvoll, nichts Dummes dabei. Ich fragte nachher, wofür er das genau gebraucht hat, ob ein Artikel draus wurde: Nein – einfach aus Interesse, für den Überblick. Das ist bei Journalisten an sich normal, kommt aber immer weniger vor. Später lernte ich Paul Ronzheimer und Claas Weinmann kennen, die immer da sind, wo es knallt.

Immer wieder hatte ich halb-gare Geschichten, die ich aber gar nicht recherchieren kann. Eine war, dass der Schwager von Assad in Deutschland leben soll, eine andere war, dass die Banken in Mossul auch unter der IS-Terrorherrschaft noch aktiv waren. Das erste ist ein einfacher Faktencheck, den ich nicht machen konnte. Beim zweiten war die Frage: Was heißt das genau? Also kann ich von der Sparkasse was hin überweisen? Kann ich in Mossul ein „IS-Bank“-Konto aufmachen? Google und mein privates Netzwerk halfen nicht. Bei dem Bankenthema dachte ich an die großen Wirtschaftszeitungen. Fragte die Leute dort, ob das was für sie sei, weil ich nicht mehr als zwei Absätze unverifizierte Aussagen von einem Flüchtling aus Mossul habe. Zwei sagten, dass das total spannend sei und ich es einfach fertig recherchieren und schreiben soll und dann kann ich es ihnen ja anbieten. Naja… dann würde ich es einfach in meinen Blog werfen. Also dachte ich, ich wage den Pakt mit dem Teufel und frage mal die Leute bei der Bild. In weniger als einer Stunde hatten sie den vermeintlichen Schwager von Assad gefunden – ist tatsächlich mit ihm eng verwandt, hat aber nichts mit ihm zu tun, ist bekannt, ist keine Story für sie. Aber das Feedback kam schnell und für mich was das gelöst. Es wäre sonst sicher ewig in meinem Kopf geblieben. Auf der anderen Seite gab es auch kein Headline wie „Schwager des Terrorfürsten lebt auf unsere Kosten!!!“ oder ähnliches, was man von der Bild ja erwarten müsste. Die andere Geschichte war komplizierter. Am Ende haben die Bild Leute es etwas recherchiert und dann MIR erklärt, wie das Bankensystem dort funktioniert, sagten aber, dass das auch keine Story für sie sei und sie es daher nicht verfolgen. Das war überraschend. Also zum einen, dass es schnell ging, zum anderen, dass sie so offen ihre Rechercheergebnisse mit mir teilen. Und alle waren freundlich.

Etwas später wurde ich auch zu Bild in die Redaktion und in den Journalistenclub von Springer eingeladen. Ich habe dort mit verschiedenen Leuten des Hauses gesprochen und später durch Zufall Henry Kissinger im Aufzug die Hand geschüttelt. Wirrer, aber interessanter Abend.

Paul und Claas waren selber oft in Kurdistan im Einsatz, haben direkt an der IS-Front gestanden und von dort berichtet. Claas hat den ersten Abschuss einer deutschen MILAN-Rakete durch die Peschmerga auf den IS gefilmt. So ein Rekord mag für Außenstehende wirr klingen, ist in den Kreisen aber ein Beleg für die guten Kontakte und das Vertrauen der Leute vor Ort. Sie waren sich für nichts zu schade, haben in Mosul in (trockenen) Betonrohren für den Kanalbau geschlafen und sich notfalls mit Keksen und Tiger (dem lokalen Redbull-Ersatz) versorgt, bis es wieder etwas Sinnvolles zu essen gab. Ihre Artikel konnte ich oft einfach prüfen, weil ich selber in der Gegend war und so einschätzen konnte, ob sie Blödsinn schreiben. Taten sie nie. Selten fanden einzelne Absätze oder Fotos von mir den Weg in die Bild – aber ich habe nie selber was für sie geschrieben.

Ähnlich gute Arbeit kannte ich sonst nur von den lokalen Redaktionen wie Rudaw oder von CNN. Beide spielen in einer jeweils ganz anderen Liga. Das Problem der guten Kurdistan Artikel in der Bild: Zwischen Titten, Panik und dem Wetterbericht gehen sie unter und die meisten meiner Freunde lesen die Bild nur im Geheimen. Auf der anderen Seite ist es nun mal die auflagenstärkste Zeitung. Also ist es gut, dass die beiden das Thema so gut bearbeiten. Dann kann der Biersaufende in Jogginghose (sorry, so stelle ich mir dem Klischee entsprechend weiterhin den Bildzeitungsleser vor) noch Bildung bekommen, bevor er seine Dailysoap guckt. Man könnte auch sagen: Die etablierten großen Zeitungen erreichen diese riesige Zielgruppe einfach nicht, weil ihr Produkt das Interesse dieser Leute halt nicht trifft. Schwieriger Spagat.

Das Resume

Der Vorhang zu und alle Fragen offen. Ich kann die Kritik an der Bild problemlos nachvollziehen, kenne aber auch die guten Leute da. Und ich kenne bei den „guten“ Zeitungen die schlechten Leute. Die Welt ist in den letzten Dekaden nicht einfacher geworden. Ich bin dazu übergegangen Artikel am einzelnen Autor und nicht mehr am Logo drüber zu messen.

 

(Titelbild erstellt mit dem Tool hier)

1 Kommentar zu "Warum ich mit der Bild kooperiere"

  1. Die pauschale Kritik gegen „Bild“ kann ich auch nicht so recht nachvollziehen, gerade was die Kurden im Irak betrifft, berichtet Claas Weinmann sehr gut Allerding fällt ein Julian Röpcke sehr negativ auf, der hetzt wirklich auf unterster Stufe, teilweise mit verfälschten Fakten gegen die SDF/YPG und so auch gegen Kurden. Björn Stritzel ist irgendwie auch ein Depp. Die Arroganz eines Julian Reichelt erreicht manchmal auch ziemliche Höhen (besonders in diversen talkshows), aber Claas Weinmann ist wirklich gut. Man sollte tatsächlich nicht schauen, was oben über der Zeitung steht, sondern die einzelnen Journalisten beurteilen, manche sind besser, manche schlechter.

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