Wer sind diese Flüchtlinge?

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Geflohene Jesiden in Shingal (2016)

Mein Aufenthalt in der Autonomen Region Kurdistan ist vorbei. Ich sitze im Flughafen und unterhalte mich mit kurdischen Special-Forces, die von einem Freund aus Italien ausgebildet wurden und sehe mir die US-Spionageflugzeuge draußen an. Alles wie immer. Um mich rum sind aber mehr deutsche Wörter zu hören als sonst. Seltsam, weil die deutsch-kurdischen Familien meist kurdisch untereinander sprechen. Aber auch nicht so merkwürdig, dass man sich näher damit befasst. Beim Checkin sehe ich ihren blauen Passersatz für Staatenlose. Besonders oft haben den syrische Jesiden, die vom Assad-Regime ausgebürgert wurden.

Im Flugzeug unterhalte ich mich mit einer Familie. Sie kommen aus Shingal. Bei dem Ort ist es strittig, ob er zum Irak oder zu Kurdistan-Irak gehört. Es ist eines der größten Siedlungsgebiete der Jesiden und durch die offene Grenze sind viele aus Syrien rüber gekommen. Die Familie besteht aus den letzten Überlebenden ihrer Großfamilie. Die anderen sind beim 74. Genozid an den Jesiden, der am 3. August 2014 vom IS verübt wurde, ermordet worden. Die Überlebenden dürfen nun nach Deutschland. Im Irak bzw. Kurdistan fühlen sie sich nicht mehr sicher und wollen einfach Abstand. Sie sind noch nie geflogen, aber oft geflohen. Sie sprechen passabel deutsch, auch die beiden Kinder. Sie haben Sprachkurse und Zertifikate gemacht und viel untereinander gesprochen, Deutsche Welle gesehen und mit Büchern gelernt. Sie wissen, dass Friedrich der Zweite die Kartoffel brachte und wann die Mauer gefallen ist „das war beides wichtig für Deutschland!„. Sie haben drei Monate lang Kurse besucht, ihr ganzes Verfahren lief mehr als ein Jahr. Es ist der steinige, legale, „korrekte“ Weg, Asyl in Deutschland zu erhalten.  

Das ganze Leben in wenigen Koffern
Das ganze Leben in wenigen Koffern

Was sie von Deutschland erwarten? Frieden. Sonst gar nichts. Sie hoffen, dass sie arbeiten dürfen, wollen niemandem zur Last fallen „wir wollen in Frieden sterben und unsere Kinder auch. Wir können nicht mehr weglaufen. Wir sind müde„. Ihr ganzes Hab und Gut sind die Koffer.

Dabei haben sie auch Wasser aus der heiligen Quelle in Lalisch – dem wichtigsten Ort des jesidischen Glaubens. Das Wasser braucht man unter anderem für die Taufe. Sie haben Sorge, Lalish nie wieder zu sehen. Sie sagen, sie sind gute Menschen und Gott wird sie auf ihrem Weg schützen. Ich wünsche ihnen, dass er das tut und dass sie nie wieder fliehen müssen. Ich war im Januar 2015 in Shingal. Es war schrecklich.

Der jesidische Peschmerga Yassir Schesho verteidigt den Tempel Şerfedîn gegen den IS

Das sind die Menschen, die wir schützen müssen und denen wir helfen müssen. Es geht nicht anders. Was für einen Sinn hat das Leben, wenn man das Leben anderer verachtet? Die Guten müssen unteilbar zusammenhalten und sich gegen die aggressiven, tödlichen Rassisten durchsetzen.